B.L.O.G. - Bissige Liberale ohne Gnade

28.02.2006

Düsseldorfer Rosenmontagszug: Die politischen Mottowagen - Einzelkritik

Abgelegt in: Verschiedenes, Politik

Wie schon angekündigt, folgt nun eine Beschreibung und Einzelkritik der politischen Mottowagen:

Auf dem ersten Wagen, der mir auffiel, befand sich eine Atomraketenattrappe mit dem Gesicht eines Staatspräsidenten eines bedeutenden Landes im Mittleren Osten, das in den letzten Wochen häufig unter den ersten drei Meldungen der Hauptnachrichten auftauchte.

(Im historischen Kontext der Karnevalsbräuche betrachtet halte ich es zwar für unangebracht, nicht die eigene Obrigkeit zu kritisieren, sondern das Staatsoberhaupt eines anderen Landes, aber ich bin in Bezug auf Satire ohnedies sehr empfindlich, betrachte meine Meinung nicht als geeignete Grundlage eines kategorischen Imperativs und fordere auch keine gesetzliche Beschränkung oder gar einen - im Einzelfall mangels Sanktion ohnehin sinnlosen - Selbstverpflichtungskodex.)

Hinter der Raketenattrappe befand sich eine Hand, die einen Kescher mit der Aufschrift “UNO” hielt und offenbar bemüht war, die Rakete einzufangen. Die Darstellung fand ich gut, denn zum einen war der Kescher natürlich das falsche Mittel, um die Rakete einzufangen und zum anderen war er viel zu klein.

Auf einem weiteren Wagen war ein Sarg zu sehen, auf dem das Wort “Meinungsfreiheit” geschrieben stand. Der Sarg war mit einem Krummsäbel offenbar orientalischer Herkunft durchbohrt. Dieser Wagen machte irgendwie schon einen “zensierten” Eindruck, entsprach jedoch in dieser Form meiner Vorstellung von einigermaßen gelungener Darstellung der Folgen des Karikaturenstreits.

Dass der Wagen, auf dem US-Präsident Bush als Affe dargestellt war, bereits die entschärfte Version gewesen ist, hätte ich allerdings nicht vermutet. Die NRZ berichtet in ihrer heutigen Ausgabe folgendes:

Ein Äffchen ist übrig geblieben, von George W. Bush. Einzig der markige Spruch “Evolution ist eine Irrlehre” erinnert an den scharfen politischen Wagen, der Mister President in Pappmaschee verhöhnen soll. Zu scharf für die bange Obrigkeit offenbar, die, in großer Sorge mit Blick auf die Live-Übertragung direkt ins Weiße Haus, den Mottowagen noch Sonntagnacht kuschelig-gefällig entschärfen ließ. Getreu dem Motto “Nit Quake - Make “. Ja, sind wir denn jeck?

Bereits im Jahr 2000 durfte der “Stichwahl-Wagen”, der Marlies Smeets (die damalige Oberbürgermeisterin, d. Verf.) mit einem Dolch in der Brust zeigte, nicht rollen. Gezeigt wird den 800 000 Narren am Straßenrand nur das, was gezeigt werden darf. Ein Narr, wer Böses dabei denkt

Bush war jedoch nicht die einzige Person des politischen Lebens, die als Tier dargestellt war; auch der Oberbürgermeister und meine “Parteifreundin”, die Bürgermeisterin, wurden als Tiere dargestellt, als Hund und Katze nämlich. Das Verhältnis der beiden zueinander wurde damit zutreffend wiedergegeben; ich warte nur auf empörte Reaktionen des Tierschutzbundes.

Und während Reuters UK unter der Überschrift Anything goes at German carnival - except religion vom Rosenmontagszug berichtet, wird in der Meldung selbst süffisant darauf verwiesen, dass immerhin durch eine Darstellung Papst Benedikts XVI. um Beistand für einen bestimmten Düsseldorfer Turn- und Sportverein (vulgo: FOCHTUNAAAA!) gebeten wird - ein weiterer Beweis dafür, dass der Katholizismus sich gerade heutzutage mit völlig überzogenen Erwartungshaltungen konfrontiert sieht. Ich mein’, wenn ein Verein schon Fortuna heisst, dann wird man doch wohl erwarten können, dass er sein Schicksal auch allein meistern kann, oder? ;-) .

Und sonst? Mein Parteivorsitzender wird zwischen zwei primären sekundären Geschlechtsmerkmalen (vulgo: TITTEN! - das Wort ist in diesem Blog bisher noch nicht aufgetaucht und da wir ja sowieso morgen umziehen, schien mir dieser Eintrag der richtige Anlass, diesem Mangel abzuhelfen; auf dem deutschen Blog-Markt kann man sich nämlich nicht erfolgreich aufstellen, wenn dieses Wort fehlt), also dazwischen wird er jedenfalls zerquetscht. Die Bundeskanzlerin war allenfalls an ihrer Frisur zu erkennen, während Herr Platzeck m.E. sehr gut getroffen war. Ach ja, und “Du bist Deutschland” war auch Thema, allerdings langweilig umgesetzt.

Die am wunderbarsten mißlungene Formulierung zum diesjährigen Rosenmontagsumzug findet sich übrigens wiederum in der NRZ. Unter dem Titel Der Rest vom Fest: 80 Tonnen Müll heißt es:

Viel zu tun hatten auch die 45 Mitarbeiter des Ordnungs- und Servicedienstes, die sich schwerpunktmäßig um den Jugendschutz kümmerten. Sie nahmen 105 Kontrollen vor und forderten 31mal Jugendliche auf, mitgeführten Alkohol zu vernichten.

Ich bin überzeugt, dass die Jugendlichen diesem Ansinnen sehr gerne nachgekommen sind; mutmaßlich haben sie den Alkohol gerade zu diesem Zweck mit sich geführt. Soll das jetzt bedeuten, dass in Düsseldorf Beamte vom Staat dafür beschäftigt werden, Menschen zu einem Verhalten zu ermahnen, das sie ohnedies an den Tag zu legen gedachten?

Fazit:

Sich zum Karnevalsauftakt am 11.11. unter Absingen rheinischen Liedgutes volllaufen zu lassen, geht für mich in Ordnung. Aber Rosenmontagszug muss wohl nicht nochmal sein.

Ich stamme zwar selbst aus einer (regionalen) Karnevalshochburg, habe aber den Verdacht, dass die dortige Adaption des rheinischen Karnevals nur dem Umstand geschuldet ist, dass die Sauerländer die Kunst des anlasslosen Trinkens nicht so gut beherrschen wie etwa die Iren oder die Mecklenburger. Sauerländern brauchen immer einen Vorwand, um sich volllaufen zu lassen und deshalb nehmen sie Feste aus aller Welt und inkorporieren sie in ihr eigenes Brauchtum, um dann aus diesem Anlass ein Besäufnis abzuhalten. Das jüngste Beispiel für diese raffinierte Technik ist die Ablösung des - tendenziell alkoholfeindlichen - Weltspartages durch das Halloween-Fest; dieses dient seit etwa drei Jahren als Anlass für das nunmehr traditionelle Halloween-Besäufnis am 31.Oktober.

Weiterführende Links

Thomas Knüwers - wie immer in Bezug auf Düsseldorf - treffenden Beobachtungen zum Rosenmontag: Wenn der Deutsche fröhlich ist

16 Fotos von den aktuellen und politischen Mottowagen hier unter (05).

3 Meinungen »

Die URI für ein TrackBack zu diesem Artikel lautet: http://streiflicht.blogsome.com/2006/02/28/469/trackback/

  1. Das mit dem anlaßlosen Trinken ist auch genau meine Analyse für den Import von Halloween gewesen, trifft aber doch nicht nur auf das Sauerland zu, oder ist es da besonders ausgeprägt?
    Andererseits isses ja auch ganz lustig, wenn zwischen zwei Haßtiraden auf Amerika mal eben Halloween gefeiert wird. Das begrüße ich, weil es nämlich amüsant ist.

    Kommentar von David — 28.02.2006 @ 16:28 (UTC)

  2. Kleiner Klugscheisser-Kommentar:

    “TITTEN” sind sekundäre Geschlechtsmerkmale.

    Kommentar von fedchan — 28.02.2006 @ 16:56 (UTC)

  3. David,

    das Phänomen des anlassbezogenen Trinkens tritt nicht nur im Sauerland auf. Und die Meinung, die Trinksitten im Sauerland seien einzigartig, habe ich kurz nach meinem Wegzug von dort fallen gelassen.

    Und Hasstiraden auf Amerika sind im Sauerland eher selten; zudem dürften die Gruppe der Amerikahasser und die Gruppe der Halloween-Anlasstrinker nicht deckungsgleich sein.

    fedchan,

    Danke. Aber ob das ein Klugscheisser-Kommentar war, möchte ich gerne selber entscheiden. Zuerst klugscheissen - und dann dem Klugbeschissenen auch noch die Genugtuung des Beleidigungserstschlages nehmen - nee, so nicht. So nicht. ;-)

    Kommentar von Marian Wirth — 28.02.2006 @ 17:24 (UTC)

RSS-Feed für Meinungen zu diesem Beitrag.

Deine Meinung

Folgender HTML-Code ist erlaubt:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <code> <em> <i> <strike> <strong>

Deine e-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Wir behalten uns vor, Beiträge zu moderieren, wenn sie Werbung, Beleidigungen
oder ähnlich Unangenehmes enthalten.
Hinweis:
Unser Spam-Filter hält manchmal auch normale Beiträge zurück. Macht euch deshalb bitte nicht die Mühe, eure Kommentare zweimal zu verfassen oder abzusenden. Wenn ein Kommentar nicht gleich erscheint, ist er nicht verloren.
Wir werden ihn dann schnellstmöglich veröffentlichen. Danke für euer Verständnis!


Get free blog up and running in minutes with Blogsome | Theme designs available here