Lasst uns dem Islamismus mit Kapitulation drohen
Das scheint das Motto des FAS-Journalisten Nils Minkmar zu sein, dessen Beitrag auch in SPON veröffentlicht wurde.
Einer ungeschminkten Darstellung der weltweiten Offensivqualitäten des Islamismus lässt Minkmar eine interessante “Gegenstrategie” folgen: Öffentliche Förderung des Baus von Moscheen, staatlicher Islamunterricht an den Schulen, besondere Förderung des muslimischen Nachwuchses.
Mag sein: Wenn wir denen, die sich die Dominanz ihrer Religion herbeibomben wollen, einen Schritt entgegenkommen, werden sie sich wohl zugänglicher zeigen. Das steht auch schon so im Koran: Dem Ungläubigen, der sich unterwirft und die Kopfsteuer entrichtet, soll kein Leid getan werden.
Es ist interessant, wie leicht deutsche Liberalität zerbröselt, wenn sie auf eine vitale und gewaltbereite Gegenwehr stößt. So lange ein dahindämmerndes Christentum das einzig nennenswert Religiöse im Staat war, pflegte man als Liberaler gerne auf der völligen Trennung von Kirche und Staat zu bestehen, also Abschaffung des Religionsunterrichts, der Kirchensteuer und der staatlichen Förderung kirchlicher Einrichtungen. Wo jetzt in Form des Islam eine kraftvoller vertretene Religion mit politischem Anspruch auf den Plan tritt, gilt das genaue Gegenteil als angemessen.
Einer solchen Religion gesteht man dann auch gerne zu, in einen “ausgewachsenen, fairen zwischen den Weltanschauungen” einzutreten. Rolle der Frau, Homosexualität, Weltlage - darüber kann man doch reden, oder? Dürfen reaktionäre römische Kardinäle da dann auch mitmachen? Leider vergisst Minkmar zu erwähnen, wie er sich denn ein Ende dieses Streits vorstellt. Soll die muslimische Seite etwa gänzlich von ihren Vorstellungen abrücken oder soll sich der Westen da mal nicht so haben und sich gefälligst etwas kompromissbereiter zeigen? Schwule müssen ja nicht Beamte werden, oder? Und so ein bisschen Stärkung der Rolle des Mannes in der Ehe und Zurückweisung übetriebener weiblicher Vorstellungen tut der Bevölkerungsentwicklung und damit der Rentenkasse vielleicht auch ganz gut.
Dazu passt, dass Minkmar sich sogar eine Art “affirmative action” vorstellen kann: Die “besondere” Förderung von “cleveren, gutausgebildeten” muslimischen Jugendlichen, die es schnellstmöglich als Lehrer, Rechtsanwälte und in den öffentlich-rechtlichen Medien zu verankern gilt.
Ich weiß da nicht so recht, ob ich mich wundern oder ärgern soll. Wundern über diese herzerfrischende Naivität, mit der deutsche Journalisten an die guten Wirkungen der guten Taten glauben. Oder ärgern über die Forderung nach deutschsprachigem Islamunterricht, wo doch in vielen Schulen noch nicht einmal der deutschsprachige Mathematikunterricht gewährleistet ist.
Aber Minkmar hat für alles eine Lösung:
Die schweren Probleme im Milieu der Migrantenfamilien - die schlechten Bildungsstandards, die mangelnden Deutschkenntnisse, die Gewaltbereitschaft - werden auch noch mal ganz eigene Maßnahmen von Staat und Gesellschaft erfordern.
“Noch mal”, also erst, wenn wir es dem Islam hier gemütlich eingerichtet haben. Vor kurzem hätte ich noch gedacht, auf eine solche Reihenfolge hätte höchstens ein Imam kommen können.

Schön! Gut! Wahr!
So langsam wird’s ja doch konstruktiv. Und Spiegel-Online, oft gescholten, stellt einen (vom Einstieg abgesehen, von etwas blödsinnigen Bezügen zu Bismarck ebenso) ganz hervorragenden Artikel aus der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” ins N…
Kommentar von Metalust & Subdiskurse — 19.02.2006 @ 13:49 (UTC)
Lieber Rayson,
angesichts des Umstandes, dass faz.net-Links permanent sind (und nicht nach relativ kurzer Zeit hinter die Bezahl-Wand verschwinden) und sich Leserreaktionen direkt unter dem Artikel befinden (und nicht in einem unübersichtlichen Forum) , möchte ich vorschlagen, dass Du zumindest zusätzlich noch auf das Original verlinkst.
Kommentar von Marian Wirth — 19.02.2006 @ 16:39 (UTC)
Danke für den Hinweis. Bei oberflächlichem Suchen hatte ich den Beitrag nicht gefunden und eigentlich auch nicht erwartet, dass er für Nichtabonnenten frei verfügbar sei.
Kommentar von Rayson — 19.02.2006 @ 16:49 (UTC)
Auch wenn ich für die Trennung von Staat und Kirche bin: Forschung und Aufklärung über den Islam halte ich für wichtig. Dafür sollte gern auch Geld zur Verfügung gestellt werden. Auch für eine bessere Bildung der Schüler aus ausländischen Familien. Jeder, der in eine anständige Arbeit kommt, ist von der Straße weg und kommt wohl mit wesentlich geringerer Wahrscheinlichkeit auf dumme Gedanken. Außerdem steht er auf der Seite der Produktiven und nicht auf der Seite der Leistungsempfänger.
An Moscheen oder Versammlungsräumen für Muslime besteht in D ganz offenbar kein Mangel. Da geht es den Christen in vielen islamischen Staaten deutlich schlechter.
Kommentar von stefanolix — 19.02.2006 @ 16:51 (UTC)
Für Islamforschung gibt es ja schon heute Geld, und dass die Bildung auch ausländischer Schüler zu fördern ist, sollte wirklich klar sein. Ich sehe aber keinen mich überzeugenden Grund, eine “besondere”, also über das allgemeine Niveau hinausgehende Förderung an einer Religion festzumachen.
Kommentar von Rayson — 19.02.2006 @ 17:02 (UTC)
Rayson (# 3)
ich finde die FAZ-Seite ziemlich chaotisch; deshalb bin ich froh, dass sich die gute alte Tante FAZ wenigstens zur Einrichtung eines RSS-Feed bequemt hat. Da ist der Minkmar-Artikel schon gestern abend eingetrudelt. (Mehrere RSS-Feeds wären noch besser, dann müsste ich die ausufernde Sportberichterstattung nicht immer noch rausfiltern. Aber man ist ja genügsam als deutscher Medien-Konsument.)
Kommentar von Marian Wirth — 19.02.2006 @ 18:03 (UTC)
Zum Artikel selbst: Entsetzlich. Grotesk. Haarsträubend. Aber auch symptomisch für deutschen Journalismus dieser Tage, bin ich fast geneigt zu sagen.
Minkmars Prämissen und Analysen sind falsch. Und was soll bei falschen Prämissen und falschen Analysen anderes heraus kommen als falsche Vorschläge zur Abhilfe?
Da mühen sich seit Jahren Integrationspolitiker und -innen der meisten Parteien um Analysen und Lösungsansätze, da werden innen- und europapolitische Fragestellungen der Migrationspolitik rauf und runter diskutiert, da werden auf kommunaler, Länder-, Bundes- und EU-Ebene sowie im transatlantischen Verhältnis Tagungen abgehalten, Strategien entwickelt (und umgesetzt!), verworfen, neu überdacht und abgestimmt, da finden jeden Tag trans- und interkulturelle Dialoge auf allen nur denkbaren Ebenen statt - und dann kommt ein Herr Minkmar, liest ein Buch eines französischen Kollegen, eine NYT-Kolumne und noch ein paar andere Kleinigkeiten und erklärt anschliessend: “Alles falsch, “wir” haben uns geirrt, Kommando zurück, ich habe die Lösung. Und die muss jetzt sofort umgesetzt werden.”
Wenn er mit “wir” die deutschen, männlichen Journalisten über 30 gemeint hätte, die sich bisher noch nicht eingehend mit den von ihm angerissenen Themen beschäftigt haben, dann wäre der Artikel sogar noch erträglich. Aber nein, er meint mit “wir” offenbar alle nicht-islamischen Europäer und Europäerinnen. Dieses zugrunde gelegte “wir” ist an sich schon eine Unverschämtheit, die den ganzen Artikel mit einem Schlag entwertet.
Kurz gesagt: Nils Minkmar hat das Rad neu erfunden. Dumm nur, dass es viereckig ist.
(Den Vorwurf des Freund-Feind-Denkens an Dich halte ich allerdings auch für nicht ganz unberechtigt, Rayson.)
Kommentar von Marian Wirth — 19.02.2006 @ 18:12 (UTC)
Eine über das allgemeine Niveau hinausgehende Förderung (die nichts mit Bevorzugung oder Verwässerung der Standards zu tun haben darf!) ist aber möglicherweise für fremdsprachige Jugendliche nicht falsch — wobei natürlich die Eigenverantwortung der Eltern immer zuerst gefragt ist. Mit der Religion wollte ich das übrigens überhaupt nicht verknüpfen.
Kommentar von stefanolix — 19.02.2006 @ 19:53 (UTC)
Mit der Religion wollte ich das übrigens überhaupt nicht verknüpfen.
Da wären wir uns ja schon einmal näher gekommen.
Kommentar von Rayson — 19.02.2006 @ 20:00 (UTC)
Faszinierend.. da steht uns eine religiöse Ideologie gegenüber, die verankerte Teile besitzt, die absolut konträr zu unseren Werten stehen. Da haben wir eine Religionsgemeinschaft, die das eindeutige Bestreben hat, alle Angehörigen in der ganzen Welt so zu vernetzen, dass garantiert niemand von denen die im Westen leben auf die Idee käme sich vollständig zu integrieren.
Und Herr Minkmar will auf diese Bedrohung unserer Werte mit Entgegenkommen antworten.
Wie war das nochmal, Englands appeasement-Politik gegenüber den Nazis hatte damals Erfolg, oder?
Kommentar von Marcel Kiefer — 19.02.2006 @ 21:07 (UTC)
Da waren wir uns überhaupt nie fern. Nur weil das Thema im Zusammenhang mit dem Artikel in der F.A.S aufkam, ist es doch nicht ausschließlich auf den Islam bezogen. Ich sehe das Thema einfach in dem Zusammenhang “vorbeugen ist besser als heilen”. Jeder Jugendliche, den wir in unser Wertesystem integrieren, ist für die andere Welt schon so gut wie verloren …
Kommentar von stefanolix — 19.02.2006 @ 21:10 (UTC)
@Marcel: Ich habe selbst miterlebt, wie 1989 in der DDR die liberalen und demokratischen Werte, die “absolut konträr” zu den Werten des Sozialismus standen, die Menschen auf die Straßen brachten. Seitdem glaube ich daran, dass man mit Werten Menschen überzeugen kann. Hier bei uns in D ist das noch möglich und hat mit Appeasement-Politik nichts zu tun. Dass man manchen Regierungen und Gruppierungen (Iran, Hamas) die Grenzen zeigen muss, ist eine ganz andere Frage.
Kommentar von stefanolix — 19.02.2006 @ 21:17 (UTC)
Hat hier eigentlich jemand den Koran gelesen?
Kommentar von Ingmar — 19.02.2006 @ 22:04 (UTC)
Im Original nicht, aber die Sekundärliteratur verschiedener Wissenschaftler über ihn und den Islam. Meinst du, die Lektüre des arabischen Originals von nach der Länge geordneten Suren würde uns zu davon abweichenden Kenntnissen führen?
Kommentar von Rayson — 19.02.2006 @ 22:23 (UTC)
Ich weiß nicht zu welchen Erkenntnissen euch die Lektüre des arabischen Originals bringen würde - ich hab es ja auch nicht gelesen. Ich wollte nur wissen, als wie fundiert ich die Meinungen über den Islam hier prinzipiell ansehen darf.
Bisher hast ja leider auch nur du dich dazu geäußert. Welche Sekundärliteratur genau hast du gelesen, Rayson? Vllt kann ich mir das Buch auch mal ausleihen.
Kommentar von Ingmar — 20.02.2006 @ 11:21 (UTC)
Aus der Bibliothek ausleihen mein ich natürlich.
Kommentar von Ingmar — 20.02.2006 @ 11:21 (UTC)
Recht kurz und neutral gehalten:
Ralf Elger, “Islam”
Hartmut Bobzin, “Der Koran”
Thomas Lemmen, “Basiswissen Islam”
Tiefer, aber auch kritisch (und damit vielleicht nicht immer auch “fair”):
Ibn Warraq, “Warum ich kein Muslim bin”
Hans-Peter Raddatz, “Von Gott zu Allah?”
und diverse Zeitungs- und Internetartikel.
Kommentar von Rayson — 20.02.2006 @ 11:40 (UTC)
Danke, Rayson.
Bevor ich mich der weiteren Lektüre zuwende, möchte ich die Worte von Marcel Kiefer (s. oben) nicht unkommentiert im Blog stehen lassen, da ich bezweifle, dass er den Koran gelesen hat, denn seine vereinfachte oberflächliche Darstellung es würde uns “eine religiöse Ideologie” und “eine Religionsgemeinschaft” gegenüber stehen, is fern ab von einer differenzierten Darstellung und wird nur weitere Vorurteile schüren, denn es impliziert, dass er sich auf den Islma im allgemeinen bezieht und nicht auf diverse islamische Strömungen. Wie kann man nur 1,5 Mrd Menschen über einen Kamm scheren!?
Ich selbst kenne übrigens einen Moslem, der mit einer Christin verheiratet ist und sehr moderne Überzeugungen hat - moderner als die vieler Christen…
Kommentar von Ingmar — 20.02.2006 @ 12:36 (UTC)
Ingmar,
ich finde, wir müssen zwei ganz andere Ebenen unterscheiden. Den Islam selbst, so wie er durch den Koran und die Hadithe überliefert ist, und die Muslime und ihre Lebenspraxis.
Grundlegende Kritik am Islam hat nichts damit zu tun, “1,5 Mrd Menschen über einen Kamm zu scheren”. Was wir Islamismus nennen, ist ja in Wirklichkeit eine Bewegung hin zu einem im wahrsten Sinn des Wortes radikalen, also an den Ursprüngen anknüpfenden Islam als Macht- und Eroberungsreligion, die sich gegen die aus Sicht der Islamisten häretische Lebensweise der meisten sich als solche bezeichnenden Muslime richtet.
Die individuelle Einstellung vieler Muslime mag sich von der Lehre unterscheiden, so wie auch viele Christen entsetzt wären, wenn man von ihnen verlangte, sich an das zu halten, was Jesus gefordert hat, aber es hat mit Islam dann wohl nicht mehr viel zu tun.
Sollte mir einer einen von anerkannten Gelehrten akzeptierten und propagierten Gegenentwurf präsentieren, der nicht bei der Mehrheit als Häresie gilt und seine Verfechter vogelfrei macht, lasse ich mich gerne eines Besseren belehren. Dem scheint mir aber heute noch als unüberwindliches Hindernis der Glaube an den Koran als Allahs wörtliche und endgültige Offenbarung entgegenzustehen.
Kommentar von Rayson — 20.02.2006 @ 13:08 (UTC)
Integration durch Umarmung
Gestern (wie immer bin ich einen Tag zu spät) veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung einen Beitrag zur Integrationsdebatte.
In „Raus aus der Defensive!“ spricht Nils Minkmar von der Notwendigkeit, die hier lebenden Muslime f…
Kommentar von Der Deutschling - Verständnis für Deutschland — 20.02.2006 @ 14:35 (UTC)
@Rayson
Hm okay, du betrachtest es also differenziert, sagst Islamismus und die damit einhergehende altertümliche Interpretation des Korans ist die eigentliche Gefahr, richtig? Und die Islamisten bezeichnen die Lebensweise der gemäßigten (und damit der meisten) Muslime als Häresie, hab ich das richtig verstanden?
“Die individuelle Einstellung vieler Muslime mag sich von der Lehre unterscheiden, […] aber es hat mit Islam dann wohl nicht mehr viel zu tun.”
Womit dann?
Kommentar von Ingmar — 20.02.2006 @ 16:38 (UTC)
@Ingmar
Im Prinzip hast du mich verstanden (bzw. ich konnte mich verständlich machen - zu Kommunikation gehören ja immer zwei). Wobei ich die “altertümliche Interpretation des Korans” aber eigentlich nicht als Ausnahme ansehe, sondern nur als konsequente Theologie.
Ich könnte jetzt viel erzählen, was für Gründe ich dafür sehe (in erster Linie entstehungsgeschichtliche), aber ich will mich mit meinem Halbwissen auch nicht gerade als der große Islamexperte aufspielen. Zumal ich beim Thema Religion sehr befangen bin. Ich bin nur jemand, der es gewohnt ist, interpretierend mit Texten umzugehen.
Es würde mich wirklich freuen, wenn ich irgendwann auf jemanden stieße, der unsere westliche kritische Herangehensweise kennt und mir trotzdem überzeugend darlegt, dass der Islam in Wirklichkeit anders ist als ich ihn sehe.
Was die individuelle Einstellung der Muslime betrifft: Das ist der Prozess der Säkularisierung, den es auch bei den Christen oder Juden gibt. Aber damit sind wir beim Punkt: Muss der Islam säkular werden, um kompatibel zu liberalen Gesellschaften zu sein? Oder kann er das auch aus sich heraus? Je nach Beantwortung dieser Fragen entstehen unterschiedliche politische Szenarien.
Kommentar von Rayson — 20.02.2006 @ 16:59 (UTC)
Ok, es beruhigt mich zu lesen, dass du die 1,5 Mrd nicht über einen Kamm scheren willst und bereit bis den Dialog zu suchen
Vielleicht ist der Mufti von Marseille, Soheib Bencheikh, so eine Person, auf die du gerne stoßen würdest. Er spricht nämlich gegen die Verflechtung von Islam und Staat und sagt:
“Es finden sich [im Koran] neben Versen, die zum Respekt der Juden und Christen auffordern, auch Stellen, die unumwunden zur Anwendung von Gewalt gegen Götzenanbeter und “Polytheisten” auffordern. Doch der größte Teil der Texte muss durch die Umstände ihrer Offenbarung relativiert und in ihren historischen Kontext eingebettet werden. […] Man muss sie neu lesen, um ihren unvergänglichen, universellen Wert zu erfahren, und sollte sie nicht dazu benutzen, politische und persönliche Aktivitäten zu rechtfertigen. […] Die Gruppen, die heute nur eine einzige, wörtlich genommene und obskurantistische Interpretation des Koran durchsetzen wollen, weichen ganz eindeutig von ihm ab und entfernen sich weit von ihm. […]”
Nachzulesen auf den Webseiten der Bundeszentrale für Politische Bildung - “Entweder geht der Islam mit seiner Zeit, oder er bleibt am Rande der modernen Gesellschaft”.
Das mit der Säkularisierung ist sicher ein richtiger Ansatz.
Kommentar von Ingmar — 20.02.2006 @ 18:41 (UTC)
@Ingmar
es beruhigt mich zu lesen, dass du die 1,5 Mrd nicht über einen Kamm scheren willst und bereit bis den Dialog zu suchen
Tell me you’re just kiddin’, babe…
Definitiv, solche Aussagen wie von Bencheikh sind wahre Lichtblicke. Die “Entsakralisierung” des Urtextes, die er fordert und ohne die ein Zusammenleben nicht funktionieren wird, ist aber, so meine ich zu wissen, blanke Häresie, weil Auslegung entgegen allem, woran Muslime bislang glaubten. Insofern ist es etwas, was ich mir als allgemeingültig wünschte, aber nicht als repräsentativ für den Islam sehe. Kann der Mann solche Aussagen inmitten von Kairo treffen?
Was die Säkularisierung betrifft, würde ich gerne widersprechen. Man kann Religionen nicht danach beurteilen, wie weit sich ihre Gläubigen von ihren Ansprüchen entfernt haben.
Kommentar von Rayson — 20.02.2006 @ 19:26 (UTC)
Rayson sagte: “Insofern ist [die Entsakralisierung] etwas, was ich mir als allgemeingültig wünschte, aber nicht als repräsentativ für den Islam sehe.”
Da du ja selbst zugegeben hast, dass du in religiösen Dingen befangen (meine Achtung, sowas würde sicher nicht jeder zugeben) und kein Islamexperte bist, würde ich deinen letzten Beitrag mal so stehen lassen und hoffe, dass du dich da irrst
Nichtsdestotrotz müssen wir natürlich weiter zur Völkerverständigung beitragen und die Situation genau beobachten.
In diesem Sinne: bis zum nächsten Mal.
Kommentar von Ingmar — 20.02.2006 @ 20:36 (UTC)
Ihr seid eine ziemlich naive Gesellschaft… die Mehrheit in einer Demokratie bestimmt, wo es langgeht. Wenn aufgeklärte Werte nicht mehr eine Mehrheit hinter sich bringen können, dann kann man auch legitim Köpfe abhacken.
Habt Ihr auch schon von Doppelzüngigkeit gehört mit der sich Imame hierzulande äussern. Moderat schlichtend aud deutsch, aggressiv anstiftend auf arabisch.
Parallelgesellschaften fördern Unverständnis und Unverständnis fördert evetuell auch Hass und Vorurteile. (Wobei wohl viele tatsächlich zutreffen…)
Es gibt nur eines: Radikale raus! Alle Kinder ZUSAMMEN in die Schule und alle Fächer. Sie müssen ja schliesslich in Zukunft MITEINANDER leben. Falls nicht -> zurückschicken!
Was denkt Ihr?
Kommentar von Klaus — 20.02.2006 @ 23:06 (UTC)
@Marian Wirth
Das Resultat dieser ganzen bienenfleißigen Experten ist ja nicht gerade superduper.Oder doch? Haben Sie angesichts der von ihnen beschriebenen Aktivitäten den Eindruck, alles sei in bester Ordnung? Wir könnten den Experten vertauen und schlafen gehen?
Hätte ich auf Rücksicht auf vor sich hin analysierende Tagungstouristen die Lage beschönigen sollen?
Schauen Sie, auch kurz vor dem Fall der Mauer fanden Tagungen zur DDR statt in denen nichts vom kommenden Epochenbruch verlautet wurde.
Kommentar von Nils Minkmar — 22.02.2006 @ 17:09 (UTC)
@ Nils Minkmar
Ich bin platt. Da komme ich nichts ahnend von der SPD-Ortsveinssitzung zurück und will eben noch bei metalust & subdiskurse eine Erwiderung zum selben Thema schreiben, in der ich ausführen möchte, dass ich mich wieder beruhigt habe, dass es jetzt auch mal gut ist mit dem meinerseitigen Nils-Minkmar-bashing und dass ich seine Artikel sonst immer ganz klasse finde - und jetzt tauchen Sie (voraus gesetzt, dass der Verfasser des Kommentars Nr. 27 wirklich identisch ist mit dem Verfasser des von mir verissenen FAS-Artikels - soviel Paranoia muss sein) hier auf und picken sich ausgerechnet meine Kritik heraus. Wie steh’ ich denn jetzt da?
Ihre Fragen beantworte ich im folgenden Kommentar. Bevor ich dies tun kann, muss ich zunächst mal eine notwendige Differenzierung vornehmen. Falls es ihnen lediglich auf die Beantwortung Ihrer Fragen ankommt, können sie ja gleich zum nächsten Kommentar scrollen.
Nach meinem Dafürhalten sind nämlich nicht die Experten das Problem, sondern die im Bezug auf Integrationspolitik bestehenden Lager. Der Einfachheit halber möchte ich sie in vier Schubladen stecken. Es versteht sich von selbst, dass diese Schubladen ungenau, grob und verzerrend sind und sich eigentlich niemand freiwillig in eine von ihnen begeben wird.
1. Die Kulturkämpfer
Die Kulturkämpfer halten einen “Zusammenprall der Kulturen” - hier zwischen “dem Islam” und “der christlichen-abendländischen Wertegemeinschaft” - für wahrscheinlich oder sogar für bereits erfolgt. In der Regel halten sie den Islam für mit der oben genannten Wertegemeinschaft für nicht kompatibel und gehen davon aus, dass sich die aggressivste Ausübungsform des Islam mittel- bis langfristig durchsetzen wird. Sie halten den Einfluss des Islam auf das öffentliche Leben jetzt schon für zu hoch und erwarten eine immense Zunahme dieses Einflusses innerhalb der nächsten Jahrzehnte. Allerdings machen sie den einzelnen Muslimen das Angebot der Assimilation in die (ihrer Meinung nach) christlich geprägte Mehrheitsgesellschaft.
Sie sammeln beständig Informationen, die ihre Thesen bestätigen (sollen). Da sie ihre Informationen auf der ganzen Welt sammeln, werden sie auch täglich fündig.
Die Kulturkämpfern beschäftigen sich am liebsten mit Demographie und mit Ausländerrecht.
Die Kulturkämpfer sind in der Blogosphäre und in allen angelsächsischen Medienquellen so zahlreich vertreten, dass es mir schwer fällt, wenige heraus zu greifen. Ich beschränke mich mal auf Mark Steyn , das Blog von Leon de Winter sowie das Blog Fakten Fiktionen
2. Die Leitkulturalisten
Die Leitkulturalisten halten einen “Zusammprall der Kulturen” für möglich, aber abwendbar. Bezüglich der Vereinbarkeit des Islam mit der o.g. Wertegemeinschaft sind sie skeptisch bis ablehnend.
Für sie steht ausser Frage, dass es eine christlich geprägte Leitkultur gibt, der sich Angehörige des Islam unterzuordnen haben. Sie haben ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie eine Integration von Muslimen in die (ihrer Meinung nach) christlich geprägte Mehrheitsgesellschaft aussehen soll. Ihre Politikvorstellung zielt darauf ab, die integrationswilligen und -fähigen Muslime von den integrationsunwilligen bzw. -unfähigen Muslimen zu trennen.
Die Leitkulturalisten beschäftigen sich insbesondere mit Sozial- und Bildungspolitik. Ergebnisse der Migrationsforschung berücksichtigen sie (auch wenn sie den Begriff “Migrationsforschung” lieber vermeiden) und passen ihr Konzept mitunter auch diesen Ergebnissen an. Die Antwort auf die Frage, wie mit integrationsunwilligen bzw. - unfähigen Muslimen umzugehen ist, suchen sie bevorzugt im Ausländerrecht.
Da die Thesen und Lösungskonzepte (samt Umsetzungsansätzen) der Leitkulturalisten im Moment breit in allen Medien diskutiert werden, spare ich mir weitere Hinweise.
3. Die Statusquotisten
Die Statusquotisten konzentrieren sich, wie die von mir gewählte Bezeichnung schon deutlich macht, eher auf den status quo. Sie versuchen, die Situation fortwährend zu analysieren und ihre Konzepte, die eher taktisch denn strategisch ausgerichtet sind, den Analysen anzupassen.
Einen “Zusammenprall der Kulturen” sehen die Statusquotisten entweder nicht, halten ihn für vermeidbar oder wenigstens seine Folgen für reparierbar. Bezüglich der Vereinbarkeit des Islam mit den Rechtsstaatsprinzipien westlicher Demokratien sind sie skeptisch bis optimistisch. Die Existenz einer Leitkultur bezweifeln sie oder sie lehnen die Idee einer Leitkultur ab.
Ihre Konzepte sind nicht lösungs- sondern prozessorientiert, weil es für sie keinen “Endzustand der Integration” gibt. Das macht sie naturgemäß besonders angreifbar.
Die Statusquotisten beschäftigen sich vor allem mit Migrationsforschung, Kriminologie, Islamwissenschaft und Integrationspolitik im engeren Sinne.
Auch die Statusquotisten sind in den Medien ausreichend präsent, weshalb ich mich hier auf zwei Links aus dem Blog German Joys des in Düsseldorf lebenden US-Amerikaners Andrew Hammel beschränken möchte:
What’s So Funny ’bout Political Correctness?
A Little Political Correctness Goes a Long Way, Part 2
4. Die Multikulturalisten
Die Multikulturalisten lehnen die These von einem “Zusammenprall der Kulturen” ab. Sie halten eine Auflösung der Mehrheitsgesellschaft in mehrere gleichrangige Teilgesellschaften für wünschenswert und ein friedliches Neben- oder Miteinander dieser Teilgesellschaften für möglich. Sie vertrauen fest auf eine (weitere) Säkularisierung der einzelnen Religionen, wenn allen Religionen und Weltanschauungen die gleichen Rechte und Entfaltungsmöglichkeiten eingeräumt werden. Sie wenden sich grundsätzlich gegen Beschränkungen des Zuzugs aus dem Ausland und halten die Aufnahme von Migranten schon allein aus Gründen der kulturellen Bereicherung für wünschenswert.
Durch den Zuzug von Ausländern (egal, ob bereits erfolgt oder zukünftig) auftretende Probleme wollen die Multikulturalisten, so sie die Probleme überhaupt als solche erkennen, vor allem mit Sozialarbeit und staatlichen Transferleistungen lösen.
Da ich diese Gruppe für die mit Abstand kleinste halte und ich ausserdem der Ansicht bin, dass ihr in den letzten Jahren schon zuviel mediale Aufmerksamkeit zuteil geworden ist (was wiederum zu einem maßlosen Überschätzung ihrer Größe geführt hat), möchte ich es dabei bewenden lassen.
Kommentar von Marian Wirth — 23.02.2006 @ 2:32 (UTC)
@Nils Minkmar (Forts.):
Nun zu Ihren Fragen im Einzelnen:
Das Resultat dieser ganzen bienenfleißigen Experten ist ja nicht gerade superduper.Oder doch?
Jede der vier von mir in Kommentar # 28 genannten Gruppen hat ihren eigenen Experten-Pool. Da sich die vier Gruppen in ihren Zielsetzungen z.T. erheblich voneinander unterscheiden, kommen die von ihnen beschäftigten Experten naturgemäß zu völlig unterschiedlichen Lösungen. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass wir es hier mit fünf Handlungsebenen (Kommunen, Bundesländer, Bundesrepublik Deutschland, EU, Welt) zu tun haben, dann ist es doch wohl kein Wunder, dass die Resultate alles andere als superduper sind.
Den Hauptanteil an allem, was mit Migration zu tun hat (Asylpolitik, Ausländerpolitik, Einbürgerung, Integration, etc.) haben die Kommunen zu tragen. Gleichzeitig sind aber auch die Kommunen diejenigen, denen am wenigsten Geld, Wissen und Umsetzungsmacht zur Verfügung steht - und über die - meinem bescheidenen Eindruck nach - am wenigsten in den Medien berichtet wird.
Die Experten mögen bienenfleißig sein; jedenfalls werden sie meistens gut bezahlt. Aber noch fleißiger sind die Sachbearbeiter und Sachbearbeiterinnen in den Sozial- und Ausländerämtern, die Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker, die sich mit den einschlägigen Gebieten beschäftigen, die Lehrerinnen und Lehrer, usw. Viele der Leute in diesen Gruppen haben alles, was Sie in Ihrem Artikel fordern, vor allem eine Strategie (oder eben mehrere).
Haben Sie angesichts der von ihnen beschriebenen Aktivitäten den Eindruck, alles sei in bester Ordnung?
Nö. Aber dass alles in bester Unordnung ist, liegt eben daran, dass es mindestens vier verschiedene Denkschulen gibt (s.o.), von denen keine eine Mehrheit hat und die untereinander nur schwer kompatibel bis inkompatibel sind. So, wie ich Ihren Artikel gelesen habe, suggerieren Sie ein Erkenntnisproblem und fordern eine neue Strategie. Ich hingegen meine, dass es ein Umsetzungsproblem gibt und eine Strategie, die der Ihren zumindest ähnlich ist, bereits vorliegt. Aber gerade in diesem Politikbereich reicht es nicht aus, eine demokratisch legitimierte Mehrheit für eine Strategie zu bekommen; es muss vielmehr eine überwältigende Mehrheit sein. Oder halten Sie es für realistisch, dass in einer Stadt eine Moschee gebaut wird oder ein Muezzin die Erlaubnis erhält, per Lautsprecher fünfmal am Tag zum Gebet rufen zu dürfen, wenn 49% (oder auch nur 30%) der Bevölkerung dies strikt ablehnen?
Wir könnten den Experten vertrauen und schlafen gehen?
Experten sollte man nie vertrauen. Und zwischen “sich auf Experten verlassen und abwarten, bis sich alle Experten auf ein Modell geeinigt haben” und “schlafen” gibt es ja doch noch eine große Bandbreite von Möglichkeiten.
Hätte ich auf Rücksicht auf vor sich hin analysierende Tagungstouristen die Lage beschönigen sollen?
Meine Tagungstouristen-Biografie ist sehr kurz. Aber auf einer dieser Tagungen sass eine Frau auf dem Podium, die mindestens drei Tätigkeiten ausübt, von denen Sie mit Ihren Fragen zwei attackiert haben: Sie nimmt offenbar öfter an Tagungen teil und ist somit eine “Tagungstouristin”; sie ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centrum für religiöse Studien und somit eine “Expertin”. Aber zusätzlich unterrichtet sie - ohne Kopftuch - noch Islamkunde an einer Schule an einer Hauptschule in Dinslaken.
Vielleicht kann Ihnen also Frau Kaddor die Fragen, die Sie mir gestellt haben, viel besser beantworten?
Schauen Sie, auch kurz vor dem Fall der Mauer fanden Tagungen zur DDR statt in denen nichts vom kommenden Epochenbruch verlautet wurde.
Na, das war aber auch ein Fiasko für alle beteiligten Experten, das bestreitet wohl niemand ernsthaft (mit Ausnahme der Beteiligten selbst vielleicht). Aber angesichts der Meinungsfülle und Analysendichte, die seit Ausbruch des Internet-Zeitalters herrschen, kann ich mir nicht vorstellen, dass nicht wenigstens ein Experte mit seiner Analyse und seinen Vorhersagen ins Schwarze treffen wird.
Vielen Dank jedenfalls, dass Sie sich hier zu Wort gemeldet haben!
Kommentar von Marian Wirth — 23.02.2006 @ 8:27 (UTC)
Eine Überschrift, total unsexy: Typologien, Identitäten, Basis und Überbau
Die Sonne scheint, die Freizeit lungert mit mir mir rum - der Hund hat schon mit ‘nem Border-Collie im Park lustige Runden gedreht, obwohl das da verboten ist, und deshalb macht das dann ja doppelt Spaß, denen zuzuschauen. Die Tageskarte…
Kommentar von Metalust & Subdiskurse — 24.02.2006 @ 15:43 (UTC)
Ich habe meine Blogpause gerade beendet und muss sagen, dass ich von Marians Arbeit sowohl quantitativ als auch qualitativ beeindruckt bin. Danke!
Kommentar von Rayson — 24.02.2006 @ 18:18 (UTC)