Liberale Autoritäten
Die Nabelschau ist doch des Bloggers liebste Beschäftigung. Nicht nur linken Sekteriern scheint es besonders wichtig zu sein, die Judäische Volksfront von der Volksfront von Judäa und beide zusammen von der Populären Front zu unterscheiden, auch im liberal-libertären Umfeld wittert man die Spalter überall.
Ich finde, Menschen, die aufgehört haben zu fragen und die im eigenen Umfeld propagierten Positionen auch mal in Zweifel zu ziehen, sind lebende Fossilien. Wer nicht fähig ist, sich selbst weiterzuentwickeln, kann nur noch missionieren, aber nicht mehr diskutieren - jede Auseinandersetzung mit ihm wird unweigerlich zum Glaubenskrieg. Liebe Hohepriester der reinen Lehre, versucht nur weiter, einer störrischen Umwelt eure unerschütterlichen Grundsätze einzuhämmern. Beschwört ruhig eifrig eure Götter und heiligen Schriften in Links und Zitaten herbei. Wir werden versuchen, für euch den Kontakt zur feindlich-chaotischen und widersprüchlichen Welt außerhalb eurer Tempel so schonend wie möglich zu gestalten.
Aber ohne Berufung auf die wichtigste und einzig unfehlbare liberale Autorität möchte ich auch diesen Beitrag nicht schließen: “Liberal ist im liberalen Sinne nicht nur liberal.” Der Name des Oxymorons ist, es sei für alle Nicht-Liberalen und Spalter effektzerstörend erwähnt, natürlich Loriot.

Danke für Deinen - leider treffenden - Kommentar Rayson!
Kommentar von jo@chim — 22.01.2006 @ 22:22 (UTC)
@Rayson,
Du hast wohl ein bisschen Recht, aber auch nicht so ganz. Denn ohne theoretischer Grundlage, ohne sich über Ideen und ihre Bedeutungen zu unterhalten, sind wir bei einer substanzlosen “Spaßpartei”-Ebene angelangt. Und dann ist jedes Gefecht um die Frage “Ist man nun Neocon, ja, nein, zum Teil?” von vornherein verloren, weil einen doch im Grunde niemand wirklich ernst nimmt, sondern unter liberal einfach nur “biegbar wie Gummi, ohne Rückgrat” verstehen!
Kommentar von euroneuzeit — 22.01.2006 @ 23:04 (UTC)
Sich über Ideen und Bedeutungen unterhalten - gerne. Aber sich im Wolkenkuckucksheim über liberale Reinheitsgebote streiten - nein danke.
Aber ganz ehrlich: Wir leben in einem Staat, der über die Hälfte der Wirtschaftsleistung für sich beansprucht und teilweise private Aktivitäten völlig zuregelt und streiten uns darüber, ob wir nun einen Minimalstaat oder lieber überhaupt keinen haben wollen? Dann doch lieber “Leben des Brian” schauen.
Kommentar von Rayson — 22.01.2006 @ 23:13 (UTC)
Rayson,
das was Du da ansprichst, ist fast der einzige Sinn des Blogs Freiheitsfabrik. Die WOLLEN sich mit Liberalen darüber streiten, ob der Staat überhaupt irgendeine Legitimation haben kann. So habe ich sie verstanden und das haben sie auch mal geschrieben…
Kommentar von euroneuzeit — 22.01.2006 @ 23:25 (UTC)
Das dürfen sie natürlich. Und ich darf es irrelevant finden.
Kommentar von Rayson — 22.01.2006 @ 23:36 (UTC)
ohne sich über begriffe zu verständigen oder zumindest die differenz verschiedener begriffsverwendungen herauszuarbeiten, ist es kaum möglich, einen theoretischen diskurs zu führen. und ohne theoretischen diskurs istes kaum möglich, zukünftige gesellschaften konsistent zu denken und die hindernisse zu markieren, die einer verwirklichung solcher gesellschaften entgegenstehen.
insofern scheint mir dein beitrag die intellektuellenfeindlichkeit des praktikers auszudrücken, rayson. zumindest deutet deine wortwahl daraufhin, die sich ja der bilder der üblichen kritik am treiben in der universität bedient und z.B. das Zitat nicht als markierung der Geschichte eigenen Denkens versteht sondern als blosses stärken der eigenen position auf kosten anderer.
selbst wenn man die kritik teilt und mit dir eine hinwendung zu den wirklich wichtigen themen fordern würde, müsste die kritik auch am eigenen blog ansetzen. die meist handzahme und nicht allzu treffsichere medienkritik, die ich hier manchmal lesen muss, geht auch an den “wichtigen” themen vorbei.
die notwendigkeit einer diskussion über begriffe zeigt sich in der großteils vollkommen unreflektierten nutzung des begriffs “sozialismus” in diesem blog, die so manche berechtigte kritik leider stilistisch auf die ebene einer an plumbheit mit attac-kritzeleien vergleichbaren polemik herabzieht.
Kommentar von Tim — 23.01.2006 @ 10:33 (UTC)
@Tim
Sozialismus bezeichnet egalitäre, politische und ökonomische Theorien, die die Produktion und Verteilung von Leistungen unter gemeinschaftlicher oder staatlicher Lenkung befürworten.
Quelle: Wikipedia
Kleiner Tipp von einem Troll:
Auch dir nicht genehmer Inhalt polemischer Beiträge kann schlüssig sein.
Wenn ich den Begriff “Sozialismus” verwende, folge ich sicher keinen gerade modernen und dir vertrauten akademischen Diskurswegen oder gar marxistischen Sprachregelungen bzw. Definitionsversuchen.
Statt dessen ordne ich Beobachtetes anhand der beiden Pole “Liberalismus” und “Sozialismus” ein, letzterer verstanden im Sinne oben zitierter Definition.
Aber du kannst gern weiterhin das plump nennen, das nicht deiner Sichtweise entspricht.
Liberal genug bin ich, bei aller Bissigkeit, durchaus, um damit leben zu können.
Kommentar von Boche — 23.01.2006 @ 11:57 (UTC)
wenn du eine binäre Weltsicht für der Betrachtung der Realität angemessen siehst, dann ist das natürlich erstmal dein Problem. Und zwar ein großes: Weil Anti-Etatismus nicht automatisch “neoliberal” sein muß (wie viele ATTACis und “Links”parteiler offenbar denken) und Anti-Liberalismus eben nicht unbedingt “sozialistisch”. Wenn Du schon mit Wikipedia ankommst, dann lese den Artikel doch ganz und versuche einfach mal die gesamte Geschichte des Sozialismus und des Gebrauchs dieses Begriffs in deinen Gebrauch dieses Begriffs mit einfließen zu lassen. Bei anderen Begriffen geht das doch auch.
Kommentar von Tim — 23.01.2006 @ 12:33 (UTC)
wenn du eine binäre Weltsicht für der Betrachtung der Realität angemessen siehst, dann ist das natürlich erstmal dein Problem.
Und gleich der nächste Tipp: Ergründe doch einmal den Sinn des Begriffes “binär”.
Sollte er doch tatsächlich darin bestehen, dass Beobachtetem nur zwei Zustände zugeschrieben werden können? So im Sinne von 1 oder 0, schwarz oder weiß?
Und stellen wir dann gemeinsam fest, dass dem entsprechend meine Graustufen-Methode nicht-binär ist?
Gut.
Weil Anti-Etatismus nicht automatisch “neoliberal” sein muß…
Wenn ich “neoliberal” mal in “liberal” übersetze, bleibt mir nur zu fragen, wo ich obiges behauptet hätte. So gibt es durchaus auch anarchistische, libertäre Gegner des Etatismus, keine Frage.
…und Anti-Liberalismus eben nicht unbedingt “sozialistisch”.
Nicht unbedingt. Aber das ist in den Artikeln, in denen ich von Sozialismus schrieb, eigentlich ohne Relevanz. Oder möchtest du der Großen Koalition z.B. libertäre Absichten unterstellt sehen?
…versuche einfach mal die gesamte Geschichte des Sozialismus und des Gebrauchs dieses Begriffs in deinen Gebrauch dieses Begriffs mit einfließen zu lassen
Wo es passt, lasse ich gern einfließen, was du möchtest.
Für die Auseinandersetzung mit konkreten und aktuellen Themen ist die historische Begrifflichkeitsforschung aber nur von begrenztem Nutzen. Zeigt sie doch, dass der Begriff vielfältig verwendbar zu sein scheint.
Und da halte ich meine Definition des Sozialismus als Prinzip staatlicher Lenkung, Regelung und Bevormundung individuellen Handelns für nicht so schlecht, dass mich dein verletztes Stilempfinden vom Gegenteil überzeugen würde.
Kommentar von Boche — 23.01.2006 @ 13:10 (UTC)
@Tim
Du schreibst bzw. wünscht dir eine geschlossene Ideologie:
Dieser Versuch eines großen Gesellschaftsentwurfs ist in meinen Augen nicht sehr liberal. Dann kann man nämlich z.B. auch einen demokratischen Prozess kaum integrieren, weil dieser ja dem Ideengebäude einer idealen Ordnung entgegen stehen könnte (und: oft steht). Dann wirfst du Rayson vor:
Nein, Tim: Es ist eher die Wirklichkeitszugewandheit des Realisten, die hier deutlich wird. Ideologisieren ist m.E. sowieso nicht der schönste Ausdruck gedanklicher Bemühungen (”intellektuell”). Etwas Pragmatismus und Wirklichkeitsbezug hat noch keinem politischen Movement geschadet.
Kommentar von Dr. Dean — 23.01.2006 @ 17:41 (UTC)
Dieser Versuch eines großen Gesellschaftsentwurfs ist in meinen Augen nicht sehr liberal. Dann kann man nämlich z.B. auch einen demokratischen Prozess kaum integrieren, weil dieser ja dem Ideengebäude einer idealen Ordnung entgegen stehen könnte (und: oft steht).”
Hmm, ja, obwohl man ja dem entgegensetzen könnte, dass die frühen Liberalen für ihre damaligen Zeitgenossen durchaus auch utopistisch gewirkt haben müssen. Wobei diese natürlich auch Theorie und Praxis kunstvoll miteinander zu verbinden wussten. John Locke zum Beispiel hat seine Theorie der bürgerlichen Gesellschaft ja prima seiner Praxis angepasst, die ihm Geld durch Sklavenhandel einbrachte.
Kommentar von dointime — 23.01.2006 @ 19:46 (UTC)
Dass Dean einmal meine Beiträge verteidigen würde, hätte ich nie gedacht. Ich könnte mich daran gewöhnen: Das machst du gut
Natürlich - wenn Boche und ich den Anspruch erheben würden, mehr als Philosophen des Alltags zu sein und hier nur unsere mehr oder weniger unfrisierten (soviel Reminiszenz muss sein) Gedanken zum Besten zu geben, dann müssten wir es uns zu Recht gefallen lassen, nicht wissenschaftlichen Kriterien zu genügen.
Wir verstehen uns aber (überwiegend, zum Selbstverwirklichen haben wir unsere “Steckenpferd”-Kategorie) als politischer Blog in einem relativ engen Sinn des Wortes. Wir wollen zu Fragen der Zeit Stellung nehmen, und zwar in einer persönlichen Art und Weise. Was und wie wir schreiben, kann nach Autor und dessen Tagesform unterschiedlich sein, aber immer ist es etwas, das in unseren Köpfen einen Raum einnimmt, den wir gerne mit anderen teilen würden. Stoßt euch ruhig an unseren Begriffen, Definitionen, Meinungen, aber bitte erwartet nie, dass wir Kriterien gerecht werden, die für euch vielleicht gelten. Es sind nicht immer auch unsere.
Kurz: B.L.O.G. ist ein Blog.
Kommentar von Rayson — 23.01.2006 @ 20:13 (UTC)
@dr. dean
good point. allerdings halte ich wenig davon, das denken von großen zukunftsentwürfen deshalb zu verwerfen, weil diese in ihrer konsequenz eigenen vorstellungen entgegenstehen. genau in dieser differenz liegt das kritische potential von zukunftsentwürfen.
ein potential, das imho auch in der auseinandersetzung mit tagespolitischen fragen gewinnbringend ist.
@rayson
ich erwarte eigentlich nur, dass kritik als solche wahrgenommen wird und dass das von euch vertretene auch auf diesen blog selbst angewandt wird (im rahmen der möglichkeiten, über die man einmal reflektieren müsste, wenn es um das bloggen geht…).
Kommentar von Tim — 24.01.2006 @ 10:04 (UTC)
@Tim
Was, wenn man das “Denken von großen Zukunftsentwürfen” an sich schon für etwas hält, das wegen der Gefahren von Wirklichkeitsverdrängung und Totalitarismus besser unterlassen werden sollte?
ich erwarte eigentlich nur, dass kritik als solche wahrgenommen wird
Wahrnehmen ja. Das bedeutet aber nicht, dass wir dabei die Begriffswelt des Kritikers zu unserer eigenen machen. Mag sein, dass jemand, der sich intensiv mit einer bestimmten Theorie auseinandersetzt, unangenehm davon berührt wird, wenn sie in Blogeinträgen profanisiert wird. Aber das muss jede Theorie aushalten können, die den Anspruch erhebt, Wirklichkeit verändern zu wollen oder zu können, denn Umsetzung ist immer Profanisierung.
dass das von euch vertretene auch auf diesen blog selbst angewandt wird
Das kommt drauf an, was du unter dem “Vertretenen” verstehst. Unser Ideal einer größtmöglichen Freiheit des Einzelnen sehen wir hier dadurch verwirklicht, dass wir schreiben, was wir denken, und dass Andere dazu schreiben, was sie denken. Wer einen unserer Einträge zu wirtschaftspolitischen Fragen z.B. aus der Sicht marxistischer Theorie kritisieren will, kann das also gerne tun, nur sollte er nicht erwarten, das wir deswegen in eine Diskussion einsteigen, um tatsächliche oder angebliche theoretische Lücken und Schwächen des Marxismus aufzudecken. Wir sprechen hier Deutsch, und man darf zwar gerne auf Englisch antworten, sollte aber nicht annehmen, dass wir, nur um mit demjenigen weiter kommunizieren zu können, deswegen die Sprache wechseln und uns dort auf Stilistikdiskussionen einlassen.
Die Maßstäbe, die wir an andere Blogs anlegen, lassen wir natürlich auch für diesen hier gelten. Und umgekehrt.
Kommentar von Rayson — 24.01.2006 @ 11:47 (UTC)