B.L.O.G. - Bissige Liberale ohne Gnade

17.01.2006

Kindergartenpflicht? Warum nicht.

Abgelegt in: Politik

Im FTD-Blog von Adrian Schimpf (in dem man sich, wie erwähnt, leider bis auf seine persönlichen Daten entkleiden müsste, um kommentieren zu dürfen) geht es um die lieben Kleinen.
Unter dem programmatischen Blog-Titel “Kapitalist” verkündet Schimpf eine ziemlich illiberal klingende Forderung:
Zwangsverkindergartung aller Kinder ab 3 Jahren!

Einem bissigen Liberaler zucken da natürlich sofort die Kiefermuskeln im Beißreflex: Zwang? Nein danke!
Auf den zweiten Blick entspannt sich der Kiefer, um Nachdenklichkeit Platz zu machen:

Wenn man die Schulpflicht akzeptiert - ist dann die Kindergartenpflicht nicht logische Folge? Was gäbe es dann noch für Gegenargumente? Das frühkindliche Bedürfnis nach elterlicher Nähe? Für Babys und Kleinkinder mag das zutreffen. Entwicklungspsychologisch dürfte aber recht einfach nachzuweisen sein, dass für Kinder im Alter von zwei, drei Jahren die Kommunikation mit Gleichaltrigen förderlich ist, wenn nicht sogar notwendig ist.

Was spricht nun gegen die Kindergartenpflicht?
Das Argument, dass manche Eltern ihre Kinder selbst bis zur Schulreife erziehen wollen und auch können?
Dann wäre die Schulpflicht ebenfalls zu diskutieren. Wollen wir das?
Das Gerede von Kinderverwahranstalten, dass manche zur Diffamierung der Kindergärten anbringen, ist natürlich kein Argument. Denn sonst wäre es auch gegen die Schule verwendbar.

Das Hauptargument gegen die Kindergartenpflicht ist natürlich das liebe Geld: Wenn der Staat die Betreuung vorschreibt, muss er dafür natürlich auch die Kosten übernehmen.
Adrian Schimpf will das über eine Einführung bzw. Erhöhung der Studiengebühren erreichen. Das ist natürlich aus mehreren Gründen unrealistisch. Zum einen sollten Studiengebühren nicht Teil des üblichen Verschiebebahnhofs sein sondern direkt die Hochschulen finanzieren. (Ob es sinnvoll ist, die dort “frei werdenden” Staatsgelder wegzunehmen, wenn unsere Zukunft auf Hochtechnologie beruht, ist fraglich.)
Zum anderen ist es politisch mehr als schwer umzusetzen. Es dürfte viel mehr politisch aktive Studenten geben, die sich gegen die Entziehung der staatlichen Förderung wehren, als Eltern, die für die optimale Bildung ihrer Kinder kämpfen.

Wie soll es also dann bezahlt werden?
Das Problem bei der Beantwortung dieser Frage ist erst einmal, dass einem die Kostenbasis fehlt: Was würde eine bundesweit Einführung von Kindergärten kosten?
In einem FTD-Artikel sind ansatzweise Zahlen zu finden:
So soll es für das Land NRW Kosten von 460 Mio. Euro verursachen, die bestehenden Kindergärten gebührenfrei anzubieten.
Geht man davon aus (ohne es zu wissen), dass in Westdeutschland und damit NRW bei weitem nicht alle Eltern ihre Kinder in den Kindergarten geben (bzw. geben können), dürften die Kosten für ein flächendeckendes Angebot mit ausreichender Bildungs- und Betreuungsqualität deutlich höher liegen. Bundesweit kann man sicher von einem zweistelligen Milliardenbetrag ausgehen.
Das klingt enorm. Angesichts des Gesamthaushaltes hätten wir es aber gerade mal mit einstelligen Prozentanteilen zu tun. Ist das zuviel Geld für eine voraussichtlich grundlegende Verbesserung der frühkindlichen Bildung?

Denn der Nutzen sollte ja nicht verschwiegen werden:
Neben den konkreten Verbesserungen für die Bildung der Kinder (so dürfte es ein Schulkind ohne Deutschkenntnisse zukünftig kaum noch geben) gibt es ja auch konkreten volkswirtschaftlichen Nutzen. Eltern waren im Westen Deutschlands doch bisher praktisch auf einen Alleinverdiener angewiesen. Zukünftig können mehr Eltern auch beide berufstätig sein. Womit sie (das interessiert unsere staatlichen Raubritter ja immer:) mehr Steuern bezahlen und mehr Wohlstand erzeugen.

Also: Kindergartenpflicht ab dem 3. Lebensjahr, halbtags bezahlt vom Staat, ganztags gegen finanzielle Beteiligung der Eltern

23 Meinungen »

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  1. 1) Die Schulpflicht hat ihre Rechtfertigung in der Tatsache, dass ein Mindestmass an Bildung NOTWENDIG ist, um in der westlichen Welt zurechtzukommen. Das ist ein Unterschied zur blossen NÜTZLICHKEIT eines Kindergartenbesuches. Wenn Nützlichkeit ein Argument wäre, dann könnte man die Kinder auch ab Geburt in ein Internat zwangsverschicken.
    2) Es ist gefährlich, die Erziehung den Familien zu entreissen und die Familien zu entmachten (Ausnahmefamilien bestätigen die Regel). Jeder totalitäre Staat beginnt damit, die Familienstrukturen zu zerstören, weil in der Familie Vertrauensverhältnisse entstehen, die dazu genutzt werden können kritische Meinungen auszutauschen. Menschen wollen in ihrer Meinung bestätigt werden und müssen gerade bei Zweifeln an der Staatsgewalt auch die Gelegenheit dazu haben. Die ist hauptsächlich durch die Familie gegeben. Also wehret den Anfängen.

    Kommentar von Dirk — 17.01.2006 @ 17:38 (UTC)

  2. “Wie es sich für Individualisten gehört, werden die hier zu lesenden Meinungen der beiden wohl nie völlig deckungsgleich sein. Die ideelle Grundlage ist aber eine gemeinsame:
    Die Liebe zur Freiheit, die nur die Freiheit des Individuums sein kann. Und die Überzeugung, dass nur aus dieser Freiheit heraus alles entsteht, was erhaltenswert ist.”

    Vielleicht wäre es an der Zeit, diesen Auszug aus eurer Blog-Idee zu überarbeiten. Liebe zur Freiheit, Freiheit des Individuums gar, vermag ich nicht zu erkennen. Spätestens wenn jemand von volkswirtschaftlichem Nutzen schwadroniert, hat das Individuum nichts mehr zu melden.

    Kommentar von Dirk — 17.01.2006 @ 17:39 (UTC)

  3. Ich bin auch nicht deiner Meinung, Boche. Den Unterschied von Notwendigkeit und Nützlichkeit sehe ich auch, daher verbiete ich mir als Liberaler einen weiteren Eingriff in das Privatleben.

    Kommentar von Marcel Kiefer — 17.01.2006 @ 18:47 (UTC)

  4. @Dirk und Marcel

    Kurze Frage zum Verständnis: Wieso setzt die Notwendigkeit zur Pflichtveranstaltung schlagartig im Alter von 6/7 Jahren ein?
    Gibt es dafür objektive Gründe oder ist es lediglich die Bequemlichkeit des Status Quo?

    “2) Es ist gefährlich, die Erziehung den Familien zu entreissen und die Familien zu entmachten (Ausnahmefamilien bestätigen die Regel).”

    Das gilt auch für die Schule. Etwas mehr Gehalt sollte Kritik, die so alarmistisch vorgetragen wird, schon haben.

    “Jeder totalitäre Staat beginnt damit, die Familienstrukturen zu zerstören”

    Die Schulpflicht zerstört Familienstrukturen?

    “weil in der Familie Vertrauensverhältnisse entstehen, die dazu genutzt werden können kritische Meinungen auszutauschen. Menschen wollen in ihrer Meinung bestätigt werden und müssen gerade bei Zweifeln an der Staatsgewalt auch die Gelegenheit dazu haben. Die ist hauptsächlich durch die Familie gegeben. Also wehret den Anfängen.”

    Diese Übertreibung ist angesichts dessen, worum es hier geht (und angesichts dessen, dass der Totalitarismus ab dem Alter von 6 Jahren nicht mehr droht)- Entschuldigung: albern.

    Kommentar von Boche — 17.01.2006 @ 19:20 (UTC)

  5. Es geht nicht um das Alter, sondern um das, was vermittelt wird. Grundlegende Kenntnisse über die Welt in der wir leben, dem System und der Gesellschaft in der wir leben und dies versehen mit verschiedenen Perspektiven auf komplizierte Themen und der Aufforderung zum eigenen Nachdenken.
    Hier wird nach meinem Verständnis das Vorrecht der Eltern zur Erziehung der Kinder beschnitten, um zu gewährleisten, dass Kinder die Möglichkeit zur vollständigen Entfaltung bekommen.

    Kommentar von Marcel Kiefer — 17.01.2006 @ 19:41 (UTC)

  6. Kindergartenpflicht für alle — das ist ein Thema, das mich natürlich als Vater, Kindergartenvereinsmitglied, Schulvereinssponsor und Liberaler sehr interessiert. Ich denke, dass man darüber ergebnisoffen diskutieren kann und ich würde Dirks anfänglichem Einwand widersprechen: diese Diskussion ist nicht illiberal und die Kindergartenpflicht müsste es auch nicht sein [aber das kriegen wir später].

    Wir sind in der seltenen Situation, zwei Kinder in sehr großem Abstand zu haben: sie wurden 1989 und 2001 geboren. Wir sind beide berufstätig und wir leben in einer Stadt, die genügend Kindergartenplätze hat. So hat der ältere Sohn Krippe und Kindergarten besucht und der jüngere Sohn ist natürlich auch im Kindergarten. Meine Frau und ich waren beide als Kinder nicht im Kindergarten — ja, auch das gab es in der DDR.

    Der große Abstand zwischen beiden Kindern macht Vergleiche möglich. Wenn wir um 1992 unseren älteren Sohn vom Kindergarten abholten, bekamen wir etwa die Auskunft “Er isst gut, er hat zwei Stunden geschlafen, er hat ordentlich gespielt und er hat sich seine Jacke schmutzig gemacht”. Oft hingen zwölf gleichartige Sonnenblumen an der Wand, weil alle Kinder das selbe Objekt malen oder ausschneiden mussten …

    Wenn wir heute unseren jüngeren Sohn abholen, hängt da i.d.R. ein Tagesbericht, in dem wir Fortschritte, Lernerfolge und Entwicklungen von Kindern aus dieser Gruppe nachlesen können. Es steht nicht jedes Kind jeden Tag dort drin. Aber man kann sich wirklich ein Bild machen, was die Gruppe so anstellt. Die Berichte und Fotos zeugen auch von der Qualifikation der Erzieherinnen. Aus den gesammelten Informationen bekommen die Kinder später eine Mappe zur Erinnerung. Und heute werden bei zwölf Kindern zwölf absolut individuelle Werke gezeigt, die zum jeweiligen Projekt passen. Niemals zwei gleiche Blumen …

    Das sogenannte “Bild vom Kind” hat sich in den letzten Jahren drastisch gewandelt. Die reformpädagogischen Ansätze (Montessori, Reggio …) gab es ja schon lange. Aber heute bestätigt die Hirnforschung, was für kleine Wunderwerke der Erkenntnis und was für Leistungen Kinder schon bringen können. Bücher künden vom “Forschergeist in Windeln” und wenn du die Tagesberichte einer guten Erzieherin liest, dann glaubst du das auch …

    Was ich damit sagen will: Löst euch zuerst mal vom Bild des Kindergartens als Aufbewahrungsanstalt! Der Kindergarten muss heute als Bildungseinrichtung und als Bildungsvorbereitung verstanden werden. Der Kindergarten kann durch eine Vielzahl von Trägern pluralistisch angeboten werden: Von streng katholisch bis zum konfessionslosen und “antiautoritären” Träger. Mit allen Zwischenstufen …

    Soviel mal — nach einem langen Tag — als schnell getippter Einwurf. Vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn jeder in den Antworten erwähnte, ob Kinder im Haus (oder geplant) sind. Dann diskutiert es sich leichter …

    Kommentar von stefanolix — 17.01.2006 @ 20:57 (UTC)

  7. Nebenbei gesagt: wir haben in sehr vielen Gegenden dieses Landes noch nicht mal eine sinnvolle Versorgung mit Kindergartenplätzen für Eltern, die einen Platz /wollen/. Das sollte man bedenken, bevor man über Pflichten redet …

    Kommentar von stefanolix — 17.01.2006 @ 20:59 (UTC)

  8. Ich würde da auch gerne mal etwas trennen:

    1. Liberal?

    Da müssen wir uns erstmal klar werden, von wessen Freiheit wir eigentlich reden. Da ist zum einen die Freiheit der Eltern. Die würde durch eine Kindergartenpflicht eingeschränkt, wird das aber auch durch die Schulpflicht. Zweck hin, Zweck her.

    Dann haben wir noch die Freiheit des Kindes. Wir können uns jetzt natürlich der sonnigen Illusion hingeben, diese käme in der Freiheit der Eltern zum Ausdruck, aber die Leugnung der Individualität des Kindes fände ich nun wenig liberal. Und da das Streben nach Chancengleichheit auch ein liberales Thema ist, könnte, wenn sich nachweisen ließe, dass ein Kindergartenbesuch sich für die große Mehrzahl der Kinder fördernd auswirkt, man zu deren Gunsten (=Erhöhung der individuellen Freiheit aufgrund besser ausgebildeten Humankapitals) auch eine weitergehende Einschränkung der Freiheitsrechte von Eltern hinnehmen. Ich sage nicht “muss”, sondern “könnte”, im vollen Bewusstsein der Gefahr, dass man hier ein Einfallstor für die beliebige Verfügung des Staates über die Kinder seiner Bürger schafft oder dieses zumindest erweitert. Die Dinge sind eben nicht nur schwarz oder weiß, sondern in der Wirklichkeit herrschen viele Schattierungen von grau vor.

    Zu diesen Schattierungen gehört, dass es in unserer Gesellschaft einen Trend zu einer sich vererbenden Unterschichtszugehörigkeit gibt. Immer mehr Eltern geben ihrem Kind nicht mehr das mit, was früher als selbstverständlich vorausgesetzt wurde. Man könnte überspitzt sagen, sie missbrauchen ihre eigene Freiheit zu Lasten der ihrer Kinder, aber allzu oft machen sie auch schon nur noch das nach, was ihre Eltern ihnen schon vorgemacht haben (vorausgesetzt, dass die Mehrzahl “Eltern” für sie erlebbar ist und war).

    Wenn es liberal ist, solche Kinder sehend in ihr Elend hineinwachsen zu lassen, dann will ich nicht mehr liberal sein.

    2. Finanzierung?

    Dass der Staat für die Umsetzung von Pflichten, die er auferlegt, den betroffenen Bürger von zusätzlichen Grenzkosten freistellt, ist keineswegs zwingend. Bei der Kfz-Versicherung tut er das nicht, auch bei den Sozialversicherungen nur zum Teil, und manch Hausbesitzer wird ein ganz anderes Lied singen. Für den “kostenlosen” Kindergartenbesuch spricht allerdings weit mehr als für das “kostenlose” Studium. Eine indirekte Finanzierung über Studiengebühren im Sinne der obigen Darstellung wäre denkbar, wenn die Kosten der Hochschulen vollständig durch die Gebühren gedeckt wären und das bisher für sie bereitgestellte Geld dann in die Kindergärten gehen könnte. Sofern eine solche Zweckbindung überhaupt ein sinnvolles Denkmodell ist.

    Eine Durchforstung und Neuausrichtung der zahlreichen Töpfe für Kinder- und Familienförderung wäre allerdings einmal angebracht, denn mit “Wurfprämien” allein ist die Sache nicht getan, wenn man Gründe für Bevölkerungspolitik sieht . Dieses Land könnte Nachwuchs zwar gut gebrauchen, aber vor allem gut ausgebildeten.

    3. Pflicht?

    Stefanolix hat mit seinem letzten Beitrag meinen Schluss vorweggenommen. Schauen wir doch erstmal, dass jeder einen Kindergartenplatz bekommen kann, der ihn will, und dass das gerade für die wichtigste Zielgruppe finanziell machbar ist. Wenn wir dann noch ein Problem sehen, reden wir vielleicht auch mal über Pflichten.

    Kommentar von Rayson — 17.01.2006 @ 22:58 (UTC)

  9. Schule erst um 9!

    Günther Oettinger schlägt vor, dass Schule künftig später beginnen soll. Der Deutschling ist begeistert!

    Kommentar von Der Deutschling - Verständnis für Deutschland — 17.01.2006 @ 23:50 (UTC)

  10. Kurzer Einwurf: Wir sollten allerdings die Extremfälle (wie z.B. “den ganzen Tag Fernsehkonsum” oder “Kinder aus Alkoholikerfamilien”) auch wirklich separat behandeln. Die sogenannten “U”-Untersuchungen sollten zum Beispiel Pflicht werden und wenn der Arzt dabei etwas feststellt, dann sollte das auch meldepflichtig sein.

    So wünschenswert eine gute Vorbereitung auf die Schule ist, sollte doch trotzdem klar sein, dass ein ganz normales Aufwachsen im Elternhaus den Kindern auch sehr viele Möglichkeiten lässt. Der Forschergeist des Kindes darf nur nicht allzu sehr unterdrückt werden, die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Im Park, auf dem Spielplatz oder bei Spaziergängen lernt ein Kind auch unheimlich viel …

    Kommentar von stefanolix — 18.01.2006 @ 8:41 (UTC)

  11. Dank an stefanolix für seinen ausführlichen Bericht persönlicher Erfahrungen!
    Ich selbst warte - um diese Frage zu beantworten - übrigens gerade auf die Ankunft des ersten Nachwuchses. Das Thema Kinderbetreuung betrifft mich (gerade auch angesichts einer Frau, die ihre Arbeit liebt, die auch gebraucht wird und nun die nächstens Jahre aufgeben muss) persönlich.

    Rayson stimme ich in soweit zu, dass man das Thema auch in zwei Schritten angehen kann:
    Zuerst das Schaffen ausreichend (und ausreichend qualifizierter) Möglichkeiten kostenloser Kindergartenplätze für jeden, der will.
    Und dann das nachdenken über die Ausweitung der Schulpflicht als Kindergartenpflicht ab 3.
    Dass man darüber nachzudenken hat, halte ich für sehr wahrscheinlich. Denn gerade die Kinder der Unterschicht, die in ein soziales Bildungsgetto hineingeboren werden, könnten allein mit freiwilligen kostenlosen Angeboten evtl. nicht erreicht werden.

    Kommentar von Boche — 18.01.2006 @ 8:43 (UTC)

  12. @stefanolix

    Da haben wir uns mit unseren Beiträgen überschnitten. ;-)

    Von den verpflichtenden Untersuchungen erwarte ich mir nicht viel. Psychische Verwahrlosung dürfte damit gar nicht, physische nur in den Extremfällen erkannt werden.

    Und selbstverständlich kann auch ein aktives, motiviertes Elternhaus ein Kind zu einem großartigen Individuum heranziehen. Deshalb hätte ich ja - wenn wir denn über Kindergartenpflicht reden wollen - die Idee einer verpflichtenden Halbtagsbetreuung. Der restliche Tag verbliebe dann auf Wunsch bei den Eltern.

    Kommentar von Boche — 18.01.2006 @ 8:48 (UTC)

  13. Ein interessanter Aspekt, der das Thema auch berührt, wird übrigens hier bei Michael Schmidt vom Tagesspiegel-Blog Berliner Replik erörtert:

    Familienpolitik mit dem Ziel der Geburtensteigerung ist, laut dem dort zitierten Soziologen Karl Otto Hondrich, aussichtslos. Das Schaffen möglichst vieler Anreize zum Kinderbekommen, das Abfangen finanzieller Mehrbelastung durch Kinder - all das hätte sich nicht als Mittel erwiesen, die Leute zum Kinderbekommen anzuregen.
    Besonders der Verweis auf die USA ist interessant: Obwohl das soziale Polster dort deutlich härter ist, bekommen die Leute mehr Kinder.

    Zwar ging es mir bei der Idee der Kindergartenpflicht nicht um die Förderung von Kinderreichtum sondern eher um die Sicherung der Bildung unserer Kinder. Wenn Hondrich Recht hat (seine Argumente klingen für mich jedenfalls recht überzeugend), dann muss man sich aber vor falschen Hoffnungen in Acht nehmen, umfassende Kinderbetreuungsangebote könnten die Geburtenrate steigern.

    Kommentar von Boche — 19.01.2006 @ 15:44 (UTC)

  14. Ganz abseits von der finanziellen Diskussion finde ich den Aspekt “Freiheit des Kindes” vs “Freiheit der Eltern” am interessantesten bei diesem Thema.

    Aus meiner Sicht spricht nämlich einiges für einen frühen Kindergartenbesuch, vor allem wenn der Kindergarten bereits als Bildungsanstalt fungiert: Das frühkindliche Lernen ist von enormer Bedeutung für die späteren intellektuellen Fähigkeiten eines Menschen.

    Ich habe leider bisher noch keine praktische, vernünftige Lösung für das Problem finden können ab wann ein junger Mensch als selbstbestimmt gelten kann.

    Kommentar von googlehupf — 19.01.2006 @ 19:31 (UTC)

  15. Schöne Diskussion übrigens. Danke an alle!

    Kommentar von Rayson — 19.01.2006 @ 19:48 (UTC)

  16. Oh, war schon Schluss? Leider hat Eure Datenbank meine Kommentare nicht angenommen (die Ursache war dann erst später klar) :-)

    [”U”-Untersuchungen]
    Die Erzieherinnen in den Kindergärten und die Grundschullehrerinnen sind aber für diese Untersuchungen. Und es ist IMHO auch kein so schlimmer Eingriff in die Privatsphäre, weil man ja zu einem Kinderarzt seines
    Vertrauens gehen kann. Ein guter Kinderarzt ist Psychologe und Mediziner genug, um bestimmte Deformationen erkennen zu können. Außerdem haben solche Untersuchungen auch eine erzieherische Wirkung (die “Kindergartenpflicht” sicher auch).

    [Freiheit]
    Tja. Solche Gedanken trägt unser vierjähriger Sohn auch schon vor. Und beim Großen (16) ist diese Diskussion auch noch nicht allzu lange vorbei … das wäre ein anderes, aber auch sehr interessantes Thema.

    [schnödes Geld]
    Habt Ihr übrigens schon mal nachgerechnet, wie teuer ein Kindergartenplatz ist und wie hoch der Anteil der Elternbeiträge an den Gesamtkosten ist?

    [@Boche]
    Da kann ich als “schon-lange-Papa” nur viel Glück, Gesundheit und immer gute Nerven wünschen!

    [notiz an mich]
    Sollte ich gelegentlich bei mir noch mal einen Thread zu Kindern eröffnen?

    Für heute erst mal einen schönen Tag und bis demnächst …

    Kommentar von stefanolix — 20.01.2006 @ 8:13 (UTC)

  17. Oh, war schon Schluss?

    Der Rayson mit seiner feierlichen Art hat tatsächlich den Anschein erweckt. ;-)

    zu [”U”-Untersuchungen]:

    Mag tatsächlich sein, dass auch da die Einführung einer gewissen Pflicht überlegenswert wäre. Wenn der Nutzen wider meiner intuitiven Einschätzung tatsächlich hoch sein sollte…

    Auch dir einen schönen Tag!

    Kommentar von Boche — 20.01.2006 @ 8:43 (UTC)

  18. Das wesentliche “pro”-Argument des Artikels, mit dem Zwang begründet wird, lautet:

    “Entwicklungspsychologisch dürfte aber recht einfach nachzuweisen sein, dass für Kinder im Alter von zwei, drei Jahren die Kommunikation mit Gleichaltrigen förderlich ist, wenn nicht sogar notwendig ist”.

    Das reicht nicht, um einen ziemlich umfassenden und zudem teuren Zwang zu begründen.

    Kommentar von Dr. Dean — 21.01.2006 @ 1:55 (UTC)

  19. @Dr.Dean

    Das reicht nicht, um einen ziemlich umfassenden und zudem teuren Zwang zu begründen.

    “Das” ist auch die entstehende Parallelgesellschaft schlecht gebildeter Menschen, die von Geburt an benachteiligt wurden.

    Kommentar von Boche — 22.01.2006 @ 16:49 (UTC)

  20. @Boche

    Ich gehe mal davon aus, dass dir bei der Kindergartenzwangsidee (ab 3 Jahre) vor allem vorschwebt, die Entstehung benachteiligter Randgruppenkinder bzw. “Parallelgesellschaften schlecht gebildeter Menschen” zu vermeiden.

    Das Ziel ist ehrenwert.

    Wenn man mit Leuten aus der Praxis spricht (mein Tipp!), dann erklären diese m.E. beispielsweise, dass das Problem auch im Elternhaus liegt. Du hast nicht unrecht, aber: Anders gesagt, das Problem bleibt dir erhalten, Boche, ob nun mit dem neuen Zwang oder ohne! Die Eltern bzw. das Umfeld bleiben trotz der von dir befürworteten Maßnahme ja wie sie zuvor waren - der Effekt, den du dir vorstellst, wäre doch insgesamt recht gering. Und auf Basis dieses erhofften Effektes, den du vielleicht etwas höher ansetzt als ich, willst du einen so umfassenden Zwang einführen?

    Überlege mal zunächst: Was könnte man ohne Zwang tun?

    Das, was du da vorschlägst, halte ich auf *freiwilliger* Basis garnicht für so übel. Man könnte es auch durchaus in bestimmten Kreisen besonders intensiv propagieren bzw. anbieten.

    Warum nicht?

    Wenn man es so macht, und dabei z.B. die Eltern einbezieht, wozu benötigst du dann noch einen ziemlich starken (und für viele Eltern und Kinder misslichen!) Zwang?? Woher nimmst dein Wissen bzw. deine Vermutung, dass dieser intensive Zwang so stark nützlich wäre?

    Schau mal: Es gibt ja in “Unterschichtenkreisen” durchaus so etwas wie Hortkinder oder Kinder die schon vor dem 6. Lebensjahr einen Kindergarten kennen lernen. Entwickeln die sich wirklich messbar deutlich günstiger?

    Oder könnte man ggf. sogar die Auffassung vertreten, dass das Problem von Unterschichten deutlich komplexerer Natur ist und ein Kindergartenzwang gegen die Exisitenz von Unterschichten bzw. negativer Verhaltensweisen in diesen Kreisen kaum hilft.

    Was ich z.B. für gut fände, sogar sehr gut [weitaus a) billiger und b) freiheitlicher und c) voraussichtlich auch wirkungsvoller]: Man gibt für Kindern benachteiligter bzw. problematischer Schichten während der ganzen Schullaufbahn Gutscheine zum Besuch besonderer, ausgewählter Freizeitangebote.

    Sportvereine, besondere Freizeitangebote, Integrations- und Sprachkurse, Volkshochschulkurse usw. usf. Da gibt es vieles, was auf kostengünstige Weise etwas bringt.

    Man wäre da mit 6o Euro/Jahr locker dabei - viele Angebote von Vereinen für ein ganzes Jahr und viele gute Angebote sind günstiger! Das macht dann in z.B. 10 Schuljahren also 600 Euro pro gezielt gefördertes Kind (die fördernswerte Gruppe könnte man z.B. anhand eines “Integrationsindikators” oder “Unterschichtenindikator” wie Sprachniveau, soziale Benachteiligung usw. messen und eingrenzen).

    So, und jetzt kommt mein entscheidendes Argument, Boche:

    Diese 600 Euro sind ist a) wesentlich billiger als auch nur ein Monat Kindergarten. Und sie sind außerdem b) effektiver c) freiwillig.

    Boche: Oder nicht?

    Warum bist du auf diese eine (!) Maßnahme so stark fixiert? Ich nehme an, dass du dafür deine guten Gründe hast. Das kann also von dir vielleicht noch besser begründet werden, und dann verstehe ich es vielleicht auch.

    Soweit eine Einrede aus meiner links-ordoliberalen Perspektive heraus

    Also: Weniger Zwang, mehr Effizienz und mehr soziale Effektivität!

    Kommentar von Dr. Dean — 23.01.2006 @ 18:07 (UTC)

  21. das Problem bleibt dir erhalten, Boche, ob nun mit dem neuen Zwang oder ohne! Die Eltern bzw. das Umfeld bleiben trotz der von dir befürworteten Maßnahme ja wie sie zuvor waren - der Effekt, den du dir vorstellst, wäre doch insgesamt recht gering

    Das bezweifle ich. Wenn Kindergärten als Bildungseinrichtung verstanden werden, dann ist der tägliche Besuch sicher nicht von geringer Auswirkung. Konkret: Ein Kind, dass im schlimmsten Fall das erste mal mit 6 Jahren (wenn die sprachliche Entwicklung schon fast abgeschlossen ist) gezwungen ist, Deutsch zu sprechen, wäre dies dann mit 3 Jahren. Und damit genau dann, wenn es entwicklungspsychologisch richtig und wichtig wäre.

    Überlege mal zunächst: Was könnte man ohne Zwang tun?

    Wie im Laufe der Diskussion erwähnt, könnte man einen ersten Schritt versuchen, in dem man (wie z.B. in Frankreich) frühzeitig kostenfreie (oder sehr kostengünstige) Angebote für frühkindliche Bildungseinrichtungen macht.
    Die Frage ist, ob das reicht.

    wozu benötigst du dann noch einen ziemlich starken (und für viele Eltern und Kinder misslichen!) Zwang?? Woher nimmst dein Wissen bzw. deine Vermutung, dass dieser intensive Zwang so stark nützlich wäre?

    Ich vermute schlicht, dass es soziale und kulturelle Gruppen gibt, für die die Bildung ihrer Kinder keine allzu große Priorität hat. Und die sogar Angebote ignorieren würden, wenn sie kostenfrei wären.

    Es gibt ja in “Unterschichtenkreisen” durchaus so etwas wie Hortkinder oder Kinder die schon vor dem 6. Lebensjahr einen Kindergarten kennen lernen. Entwickeln die sich wirklich messbar deutlich günstiger?

    Ich vermute: ja. Da müsste man aber nach Quellen suchen.

    Oder könnte man ggf. sogar die Auffassung vertreten, dass das Problem von Unterschichten deutlich komplexerer Natur ist…

    Das kann man sicher. Ich halte die Bildung aber für einen Königsweg aus der Unterschicht heraus.

    Man gibt für Kindern benachteiligter bzw. problematischer Schichten während der ganzen Schullaufbahn Gutscheine zum Besuch besonderer, ausgewählter Freizeitangebote.

    Kann man als ersten Schritt und Versuch machen, siehe oben.
    Ich befürchte eben nur, dass dies nicht reichen würde.

    Man wäre da mit 6o Euro/Jahr locker dabei

    Wie kommst du auf diese Zahl? Einigermaßen intensive Sprachkurse z.B. dürften wesentlich teurer sein.

    Warum bist du auf diese eine (!) Maßnahme so stark fixiert?

    Oh, da unterliegst du einem Irrtum! Die Tatsache, dass ich einen zustimmenden Artikel zum Thema schreibe, heißt keineswegs, dass ich auf diese Position “fixiert” wäre.
    Dass ich (wie erwähnt) die Position abgemildert habe und es auf einen Versuch mit kostenlosem aber noch nicht verpflichtenden Angebot ankommen lassen würde, zeigt dies, denke ich.

    Kommentar von Boche — 23.01.2006 @ 18:33 (UTC)

  22. Ich finde es schon ein bisschen merkwürdig, daß Eltern, die ihr Kind in eine Tagesstätte oder einen Kindergarten geben, unterstellt wird, sie würden ihre Kinder nicht selber erziehen. Der Kindergarten dauert 6 Stunden, und in denen findet die gesamte Erziehungsarbeit statt, die restlichen 18 Stunden, die der Tag hat, zählen nicht? Das ist doch kompletter Blödsinn!

    Kommentar von Ada — 25.01.2006 @ 11:47 (UTC)

  23. Bin ganz deiner Meinung, Ada.

    Kommentar von Boche — 25.01.2006 @ 12:10 (UTC)

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