Arbeitsmarktexpertin Merkel
Das wäre mir doch jetzt glatt entgangen, weil es bei SPON unter einer anderen Überschrift (”Kanzlerin hält nichts von Glos’ Modellversuch“) stand:
Erstmals ließ die Kanzlerin zudem deutliche Sympathien für einen gesetzlichen Mindestlohn erkennen. Jede Debatte über Kombi-Löhne müsse auch die Frage nach dem Mindestlohn beantworten, sagte sie. “Wir dürfen nicht zulassen, dass in Deutschland Jobs für 50 Cent Stundenlohn angeboten werden und den Rest regelt der Steuerzahler. Wir wollen schließlich Arbeitsplätze schaffen und keinen Selbstbedienungsladen für findige Unternehmer eröffnen.”
Damit scheint die absurde Meinung, Unternehmer zahlten Arbeitnehmern nur deshalb mehr als 50 Cent Lohn pro Stunde, weil sie vom Staat oder den Gewerkschaften dazu gezwungen werden, auch im Kabinett Konsens geworden sein. Kennt jemand ein leicht verständliches Lehrbuch der Volkswirtschaftslehre, das man ins Kanzleramt schicken könnte? Gute Wirtschaftsminister gibt es ja schon lange nicht mehr.

Ich habe ein Buch hier eines erwähnt, das man sogar per Email verschicken könnte. Jedoch englisch und ohne hübsche Grafiken.
Ansonsten jenes, das an der Uni jeder Erstsemester kriegt. Mankiw - Principles of Economics.
Kommentar von Bastian — 9.01.2006 @ 0:00 (UTC)
Siehe auch: tinyurl.com/9ng2y [Im doppelten Sinne: Gute Nacht!]
Kommentar von stefanolix — 9.01.2006 @ 0:01 (UTC)
Hallo allerseits,
ist es denn wirklich falsch, dass massive Mitnahmeeffekte auftreten könnten/ würden, die den Preis für Arbeit unter den wahren Marktpreis senkten und von uns allen bezahlt werden müssten? Als Liberaler sollte man nicht einseitig unternehmerfreundlich sein, sondern neutral.
Die Aussage “Damit scheint die absurde Meinung, Unternehmer zahlten Arbeitnehmern nur deshalb mehr als 50 Cent Lohn pro Stunde, weil sie vom Staat oder den Gewerkschaften dazu gezwungen werden, auch im Kabinett Konsens geworden sein.” geht am Thema vorbei. Hier handelt es sich um einen künstlichen Eingriff des Staates in den Markt. Ein Mindestlohn ist sicher Unsinn, aber eine Lohnsubvention ohne Mindestlohn wird ein fiskalisches Loch ohne Boden!
Die Notwendigkeit eines Mindestlohns zeigt m.E. nur die Untauglichkeit des Vorschlags zur Lohnsubvention.
Kommentar von Christian — 9.01.2006 @ 14:44 (UTC)
Ja, es würde auf jeden Fall kurzfristig zu Mitnahmeeffekten kommen. Und nein, auf Dauer werden bei Wettbewerb die Löhne auch dann nicht unter die Grenzproduktivität sinken, weil die Unternehmen sonst Geld verschenken, es sei denn, man ginge aufgrund von zusätzlichen Annahmen von einer langfristig unveränderlichen Arbeitsnachfrage aus, wozu ich keinen Anlass sehe. Ökonomisch gesehen ist das Arbeitsangebot der Engpass.
“Als Liberaler sollte man nicht einseitig unternehmerfreundlich sein, sondern neutral.”
Mit Verlaub, das ist Unsinn. Als Liberaler tritt man für liberale Positionen ein, was alles andere als “neutral” ist. Und ganz persönlich habe ich etwas gegen die offizielle Verbreitung von naivem ökonomischen Volksglauben. Die Attribute “unternehmerfreundlich” oder “arbeitnehmerfreundlich” spielen dabei keine Rolle. Erst recht nicht, wenn ihre landläufige Verwendung Konstellationen beschreibt, die letztendlich das Gegenteil bewirken.
Und einmal völlig abgesehen davon, dass in den bisher diskutierten Modellen eine Art “Mindestlohn” immer schon enthalten ist, und zwar in Höhe des weiterhin gezahlten Sozialhilfesatzes.
Was Merkel da verzapft hat, ist also sowohl allgemein als auch konkret Unfug.
Kommentar von Rayson — 9.01.2006 @ 15:24 (UTC)
Ich meine durchaus - auch deshalb, weil der Arbeitsmarkt kein perfekter Markt ist - dass ein sinnvoll gewählter Mindestlohn eine sozusagen hygienische Wirkung haben kann. Er kann dabei helfen, dass unproduktive Tätigkeit zugunsten produktiver Tätigkeit verdrängt wird.
Das Beispiel Neuseeland, bei aller Vorsicht mit diesem Argument!, könnte man dahingehend interpretieren, dass ein umsichtig gewählter Mindestlohn sogar gesamtwirtschaftlich wohlstandssteigernd (!) wirkt - bzw. wirken kann.
Die größte Gefahr an einem Mindestlohnmodell (ich persönlich denke hier an einen Wert von ca. 6,00 bis 7,00 EUR/Stunde) sehe ich darin, dass dieser Wert dann aus populistischen Gründen jedes Jahr von der Politik erhöht wird, und damit würde die Mindeslohnregelung in Bereiche vorstoßen, wo tatsächlich auch eine gesunde Markttätigkeit behindert wird.
Eine weitere Gefahr von Mindestlöhnen kann darin bestehen, dass diese als eine Art Richtwerte betrachtet werden, und entgegen den ursprünglichen Absichten sogar das Abrutschen des Lohnniveaus beschleunigen. Die tatsächlichen Erfahrungen mit diesem Instrument (z.B. in den USA und in Neuseeland) belegen diese Gefahr nicht - womit ich allerdings nicht ausschließen kann, dass diese Gefahren in Deutschland wegen Sonderbedingungen vielleicht dennoch auftreten.
Im Übrigen halte ich es gerade im unteren Lohnbereich für problematisch und hemmend für die Dynamik am Arbeitsmarkt, dass der Abstand zur Sozialhilfe bzw. ALGII in der Praxis für die Betroffenen sehr gering ausfällt.
Das ist m.E. das relevantere Problem.
Wichtiger als das Nachdenken über Mindestlöhne erscheint mir vor diesem Hintergrund, dass man vielleicht die ersten 600 Euro eines Vollzeiteinkommens von Sozialabgaben frei stellen sollte. Man könnte dies finanzieren, indem man einerseits die 400-Euro-Jobs (die ja in der Praxis tatächlich beschäftigungsvernichtend wirken) auf z.B. 250 Euro absenkt, während man die Höchstgrenze für die Berücksichtigung von Soizialabgaben um ca. die Hälfte hoch setzt und evl. die Empfänger besonders hoher Pensionen/Renten (was im OECD-Vergleich eine Besonderheit Deutschlands darstellt) eni wenig, durchaus erträglich, belastet.
Mit diesem Maßnahmenpaket könnte man erhebliche neue Anreize für Leistungsbereite schaffen, die Arbeitgeber zugleich entlasten und damit im entscheidenden Segment die Möglichkeit neuer Beschäftigung sogar recht deutlich verbessern.
Gleichzeitig würde ich, um diesen Effekt zu steigern, um also möglichst viele Menschen aus der Sozialhilfe/ALGII in Beschäftigung zu drängen, im Umfang von ca. 20 Wochenstunden eine Art Arbeitspflicht (!) bzw. Gegenleistunpflicht für arbeitsfähige Sozialhilfeempfänger einführen, meinetwegen auch als Optionsmodell dahingehend, dass 1/3 des Sozialhilfebetrags einer entsprechenden, optional wahrzunehmenden Gegenleistung abhängig gemacht wird.
So könnte man im Arbeitsmarkt im kritischen Segment eine kombinierte, und m.E. recht erhebliche Push- und Pullwirkung auslösen.
Kommentar von Dr. Dean — 9.01.2006 @ 17:38 (UTC)
@Dean
Es gibt auch das Argument, dass ein Mindestlohn psychologisch wirken könne (Michael Burda). Aber wie auch immer, Sozialhilfe (ALG II) auf deutschem Niveau und Mindestlohn passen m.E. nicht so richtig zusammen. Ist er höher, wird noch mehr Arbeit in Deutschland unrentabel. Ist er niedriger, braucht man ihn nicht.
Ansonsten entspricht der Vorschlag im Groben dem Ansatz von Sinns ifo-Institut mit grüner Nomenklatur (konkrete Gestaltung über die Sozialversicherung) und der üblichen “Gegenfinanzierung” bei irgendwelchen gerade passenden “Besserverdienern” (auf die in der öffentlichen Diskussion noch keiner so richtig gekommen ist, was aber nur eine Frage der Zeit sein wird).
“Gleichzeitig würde ich, um diesen Effekt zu steigern, um also möglichst viele Menschen aus der Sozialhilfe/ALGII in Beschäftigung zu drängen, im Umfang von ca. 20 Wochenstunden eine Art Arbeitspflicht (!) bzw. Gegenleistunpflicht für arbeitsfähige Sozialhilfeempfänger einführen.”
Mit der wie schon bei den 1-Euro-Jobs bestehenden Gefahr des Verdrängens herkömmlicher Arbeitsplätze. Das ist nur zu vermeiden, wenn auch in der Privatwirtschaft Niedriglöhne gezahlt werden.
Kommentar von Rayson — 9.01.2006 @ 17:57 (UTC)
Natürlich gibt es langfristig Mitnahmeeffekte. Der Unternehmer ist dumm, der das nicht macht. Das tritt doch bereits jetzt im Rahmen des sogenannten Zuverdienstes auf. Volle Stellen werden in geringfügige Beschäftigung umgewandelt, und die Arbeitnehmer werden für den Lebensunterhalt an die Arbeitsagentur verwiesen. Da die den ‘Vermittlungserfolg’ braucht, macht sie mit. (Was auch Konsequenzen für das allgemeine Lohnniveau hat.) Das ist ja der Grund, warum Unternehmerverbände so heftig für Kombilöhne plädieren. Das kann so lange gehen, bis der letzte Arbeitslose in eine subventionierte Stelle vermittelt ist.
Kommentar von Parker8 — 9.01.2006 @ 19:11 (UTC)
Der Unternehmer ist dumm, der das nicht macht.
Wenn er es kann. Sofern aber der gezahlte Lohn unterhalb der Produktivität liegt, ist jede Nachfrage zwischen Lohn und Produktivität rational, so dass eine zunehmende Konkurrenz um diese Arbeitskräfte entsteht, die das Lohnniveau wieder nach oben treibt. Sofern das Kombilohnmodell so eingerichtet ist, dass ein mit Arbeit verdienter Euro attraktiv bleibt.
Unternehmen sind keine auf die Ausbeutung von Arbeitnehmern ausgerichtete Kartelle, sondern untereinander Konkurrenten. Die Argumentation mit den Unternehmerverbänden suggeriert einen Gleichklang der Interessen, den es im Wettbewerb nicht gibt.
Im konkreten Fall des Kombilohns ist die Behauptung, sie würden “heftig für Kombilöhne plädieren”, sogar falsch, wie in meinem Beitrag über Kombilöhne unter dem Link zu den Kritikern nachzulesen.
Kommentar von Rayson — 9.01.2006 @ 21:40 (UTC)
Auf Grund des aufgezeigten Mechanismus ist der gezahlte Lohn gerade kein Marktlohn. Deswegen ja die Idee mit dem Mindestlohn als Gegensteuerung. (Läuft in USA und GB auch so.)
Was die Interessenskonformität der Unternehmen angeht: Deswegen gibt es ja Verbände. Und in diesem Fall gilt: Externalisierung von Kosten hilft allen Unternehmen in gleicher Weise.
Kommentar von Parker8 — 9.01.2006 @ 22:38 (UTC)
Durchaus nachdenkenswert. Jeder Arbeitgeber in Deutschland der einen Stundenlohn unter 50ct die Stunde zahlt sollte sofort verklagt werden. Wetzt die Messer!
Kommentar von Don — 9.01.2006 @ 22:40 (UTC)
Auf Grund des aufgezeigten Mechanismus ist der gezahlte Lohn gerade kein Marktlohn.
Gewinninteresse bringt ihn aber wieder dahin.
Was die Interessenskonformität der Unternehmen angeht: Deswegen gibt es ja Verbände.
Unternehmensverbände nutzen nur etwas, wenn sie den Unternehmen günstige Bedingungen verschaffen, von denen sie auch ohne gegenseitige Absprache profitieren.
Externalisierung von Kosten hilft allen Unternehmen in gleicher Weise.
Wenn sich alle auf das gleiche Verhalten einigen können, vielleicht. Im Wettbewerb steht das Gewinninteresse dagegen. Unternehmen handeln außerhalb von Kartellen nicht konzertiert.
Kommentar von Rayson — 9.01.2006 @ 23:06 (UTC)