Frau Osthoff will zurück
Die gerade erst freigekommene Geisel Susanne Osthoff will offensichtlich in den Irak zurückkehren und mit ihrer Arbeit weitermachen. In der deutschen Politik herrscht darob Unverständnis und Ablehnung.
Einerseits sollte man die Frau die Arbeit tun lassen, die ihr wichtig erscheint. Sie fühlt sich offensichtlich dort zu Hause und das Schicksal des Irak ist ihr anscheinend wichtiger als die deutschen Wurzeln. Soll man sie also ihren selbst gewählten Weg gehen lassen!
Andererseits ist die Irritation auf Seiten der deutschen Politik verständlich. Wenn man als Dank für die Bemühungen um eine Freilassung vom Opfer erfährt, dass es sich zurück in die Gefahr begeben will, wenn Warnungen in den Wind geschlagen werden, verletzt das schon irgendwie die Erwartung an faires Verhalten.
Denn zumindest dies könnte und müsste Frau Osthoff (die ihre Entführer dann ja doch irgendwie nett fand) dazu sagen:
“Ich gehe und verlange ausdrücklich keine Hilfe mehr, wenn mir wieder eine Entführung zustößt. Ich kümmere mich um meinen Kram, kümmert ihr euch um euren.”

ich denke, Frau Osthoff sollte ihr Projekt vorerst zurückstellen bis es hoffentlich wieder ruhiger im Irak wird. Sie sollte sich vor Augen halten, dass es auch anders hätte enden können. Zusammen mit ihrer Familie, besonders mit ihrer Tochter, sollte sie ihr möglicherweise “neues Leben” erstmal genießen.
Bei einer weiteren Geiselnahme eines deutschen Staatsangehörigen könnte dieses Verhalten von Frau Osthoff die Vorgehensweise der Bundesregierung negativ beeinflussen.
Kommentar von Gerald Gebsattel — 27.12.2005 @ 15:19 (UTC)
Man kann darüber geteilter Meinung sein, ob die Bundesregierung die Rückkehr verlangen sollte.
Aber aus dem liberalen Verständnis heraus ist es natürlich legitim.
Den Staat aus seiner Verantwortung zu entlassen allerdings ist natürlich mit dem liberalen Grundverständis mehr als nur vereinbar, politisch allerdings kann der Staat von seiner Seite dies niemals annehmen (rechtl. ist er warscheinlich auch dazu verpflichtet, dazu müssen aber andere was sagen)
Kommentar von Marcel Kiefer — 27.12.2005 @ 15:21 (UTC)
Es wäre allen gedient, wenn Susanne Osthoff die deutsche Staatsbürgerschaft aufgeben und die irakische annehmen würde.
Kommentar von Patentizität — 27.12.2005 @ 15:35 (UTC)
Ich halte es für legitim, das Frau Osthoff in den Irak zurückkehrt. Ihr sollte allerdings klar sein und dies sollte man ihr auch unmißverständlich mitteilen, dass man sie kein weiteres Mal freikaufen wird (Annahme: Dies ist diesmal geschehen).
Ihr sind offensichtlich ihre Hilfsprojekte im Irak sehr viel wert. Man kann dies bewundern oder für verrückt halten, aber man sollte es respektieren.
Die Arbeit solange zurückstellen bis der Irak ruhig ist, stellt das Prinzip des Helfes gerade in Notsituationen doch auf den Kopf. Wenn es dem Irak gut geht, dann braucht sie dort nicht mehr hinzugehen.
Wo der Vorteil für alle liegen soll, wenn Frau Osthoff die Staatsbürgerschaft aufgibt, will mir nicht klar werden. Was soll das bringen?
Kommentar von Dirk Meister — 27.12.2005 @ 16:01 (UTC)
Einige interessante Fragen zum Hintergrund der Susanne Osthoff und ihrer Geschichte sind in der FAZ gestellt worden.
Kommentar von Boche — 27.12.2005 @ 16:21 (UTC)
Wo der Vorteil für alle liegen soll, wenn Frau Osthoff die Staatsbürgerschaft aufgibt, will mir nicht klar werden. Was soll das bringen?
1. Der deutsche Staat wäre nicht mehr für Frau Osthoff verantwortlich.
2. Der Anreiz Frau Osthoff zu entführen, würde zumindest sinken. (Vorausgesetzt ihre Einbürgerung würde auch in irakischen Medien ventiliert.)
Kommentar von Patentizität — 27.12.2005 @ 17:33 (UTC)
@Dirk Meister: Solange sie Deutsche ist, ist der Staat dazu angehalten ihr im Falle einer Entführung zu helfen, sprich: für das Lösegeld aufzukommen, welches auch hier aktuell gezahlt worden ist (Höhe und sonstige Bedingungen zur Zeit nicht bekannt). Wenn jetzt Osthoff sagt die Entführer seien keine Verbrecher gewesen und die tun einer Muslime (und Frau) nichts, dann ist das ein Tritt in das Gesicht eines jeden Steuerzahlers, der für das Lösegeld und jedes weitere Lösegeld aufzukommen hat.
Kommentar von GeistesWelt — 27.12.2005 @ 20:44 (UTC)
Ich weiß nicht ob ich mich jetzt etwas weit aus dem Fenster lehne:
Aber ist keinem von Euch bis jetzt der Gedanke gekommeen das die Entführung nur getürkt gewesen sein könnte? Nach ihrem Auftritt bei dem arabischen Sender (das Interview wurde mal wieder nur bei einem Sender übersetzt) kam mir der Gedanke. Das wirre Zeug und ihre fanatische Haltung liesen mich nachdenklich werden.
Vielleicht wollte man gemeinschaftlich das Geld abgreifen und als es nicht so gut lief wurde das Vorhaben schnell beendet.
Vielleicht bin ich aber auch nur irre…
Kommentar von Foo — 27.12.2005 @ 20:59 (UTC)
In Bezug auf das Lösegeld habe ich aber auch gelesen, dass private Spender angeblich Geld gesammelt haben sollen. Die Hintergründe der Freilassung werden wohl immer im Dunklen bleiben. Ich möchte der Meinung widersprechen, dass es ihr persönlich um das “Abgreifen” von Geld ging. Eine Art Stockholm-Syndrom könnte bei ihr aber vorliegen.
Ich kann sehr gut verstehen, dass sie auf absehbare Zeit nicht nach D zurückkehren will. Wer die Romanfigur Katharina Blum kennt, der weiß vielleicht, was ich meine … So würde ich ihr von ganzem Herzen wünschen, dass sie in einem friedlichen arabischen Land Archäologie betreiben kann. Wohl wissend, dass mein Wunsch sowieso nichts helfen wird.
Kommentar von stefanolix — 27.12.2005 @ 22:44 (UTC)
Ich hielte eine Übereinstimmung von Leben und Formalie (Staatsbürgerschaft) auch für wünschenswert. In jeder Beziehung.
Kommentar von Rayson — 27.12.2005 @ 23:23 (UTC)
Osthoff das Rätsel
Wenn sie wirklich in den Irak will gibt es nur eine Lösung für das Dilemma – sie gibt ihre deutsche Staatsbürgerschaft zurück.
…
Kommentar von Der Deutschling - Verständnis für Deutschland — 27.12.2005 @ 23:27 (UTC)
Ob “Abgreifen” von Lösegeld oder Stockholm-Syndrom läßt sich zur Zeit schlecht sagen. Aber warum sollte es nicht möglich sein, dass die Entführung gefaked wurde, um das Lösegeld zu kassieren? Zur Zeit gibt es eigentlich keinen Anlaß das Ausschliessen zu können, außer vielleicht der Wunsch allein…
Kommentar von GeistesWelt — 27.12.2005 @ 23:28 (UTC)
Einerseits sollte man in der Tat den Terroristen nicht dadurch eine Bestätigung geben, daß man nach so einer Entführung wie im Falle Osthoff plötzlich alle Projekte stoppt und damit ja dann doch mehr oder weniger der Forderung der Entführer nachkommt, sich aus dem Irak rauszuhalten, obwohl dort sicherlich jede Menge Hilfe vonnöten ist.
Andererseits haben wir in Deutschland inzwischen genug eigene Probleme (Massenarbeitslosigkeit, schlecht ausgestattete Schulen und Universitäten, überforderte Institutionen, Rekordschulden die unseren Kindern und Enkeln eine hohe Bürde hinterlassen werden etc.), daß ich grundsätzliche jegliche Förderung irgendwelcher Karawansereien oder ähnlichem auf den Prüfstand stellen würde.
Last but not least finde ich es als Steuerzahler eine Zumutung, daß sich ein eigener Krisenstab rund um die Uhr um die Befreiung der Geisel gekümmert hat, die Bundeskanzlerin bei allen internen Problemen der aktuellen Regierungskoalition sozusagen als erste Amtshandlung mit der Entführung beschäftigt hat, möglicherweise sogar Lösegeld oder zumindest Bakschisch zur Herstellung der Kontakte zu den Entführern gezahlt wurde und dann die betroffene Person im Interview zum besten gibt, sooo schlecht sei sie ja gar nicht behandelt worden und deswegen folge sie auch in Zukunft weiter ihrer persönlichen Lebensaufgabe und bleibe in dem Land, wo nahezu wöchentlich Personen entführt werden.
Das ist ja schön und gut und auch ihr gutes Recht. Aber dann sollte der Staat bei einer erneuten Entführung sich auch bitte aus dem Geschehen komplett raushalten.
Man muß sich das mal vorstellen: sämtliche Zeitungen sind seit Jahren voll von den Problemen, die es in diesem Land zu lösen gilt. Dann kommt nach einigem Gezerre endlich eine Koalition zustande und die mühsam gewählte Regierungschefin verschwendet anschließend ihre knappe Zeit damit, Erklärungen der Haltung der Bundesregierung ggü. Entführern etc. abzugeben. Klar ist das ihre Pflicht und beim ersten Fall ja auch noch nachzuvollziehen. Aber im Wiederholungsfalle sollte damit Schluß sein, denn sonst steht das selbstgewählte Schicksal einer Frau auf Selbstverwirklichungstrip über dem Wohl von 80 Millionen Bundesbürgern, die sicher andere Vorstellungen von der Regierungsarbeit haben und schon lange auf eine Lösung ihrer (oft nicht selbstbestimmten) Probleme warten.
Ob es dem BND oder sonst jemandem nutzt, so eine Entführung selbst zu inszenieren, wage ich doch eher zu bezweifeln. Sicher, möglich ist heutzutage alles und Organisationen im allgemeinen und Geheimdienste im besonderen neigen auch dazu, sich irgendwann zu verselbständigen. Aber weder Schily noch sein Nachfolger kann mit so einem Entführungsfall irgendwelche weitere die Freiheiten in Deutschland einschränkenden Gesetze begründen noch wird dadurch die Arbeit irgendeiner Behörde oder Organisation legitimiert (außer vielleicht vom Entführungskrisenstab).
Und daß in Zukunft mehr Leute auf die Reisewarnungen des Außenministeriums hören werden, wage ich auch zu bezweifeln. Wer unbedingt mit dem Motorad durch den Jemen fahren will, der ist bescheuert/risikogeil/ignorant genug, um sich auch von irgendeiner Behördenwebseite davon nicht abhalten zu lassen.
Kommentar von Kommentator — 28.12.2005 @ 0:36 (UTC)
Das Problem ist doch nicht, daß die Osthoff in den Irak zurück will. Das ist nicht nur legitim, sondern auch verständlich - sie hat ihren Lebensmittelpunkt dort, die übrigen Millionen Iraker leben auch mit dem täglichen Risiko.
Das Problem ist auch nicht, daß die deutsche Botschaft sich um den Entführungsfall gekümmert hat. Das ist normale Pflicht und sollte auch in künftigen Fällen (auch bei Frau Osthoff) so bleiben.
Das Problem ist einerseits, daß dieser Fall viel zu hoch gespielt wurde (incl. Eskalierung bis zur Bundesregierung) und vor allem, daß wieder einmal Lösegeld gezahlt wurde.
Das ist eine Unsitte, die Fischer bei den Wallerts auf den Philippinen angefangen hat, um wählerwirksam in den Medien rüberzukommen.
Bei den Saharageiseln kam dann schon das Folgeproblem.
Und inzwischen laufen Deutsche in Krisengebieten ja quasi mit einem Hinweis rum “Bitte enführt mich, ich bin viel Geld wert”.
Sobald sich Deutschland wieder auf die früher übliche Praxis zurückbesinnt, daß Entführer-Forderungen grundsätzlich nicht erfüllt werden, ist weiteren Entführungen weitgehend die Basis entzogen.
Kommentar von Ralf Arnemann — 28.12.2005 @ 9:41 (UTC)
Ist denn eigentlich bewiesen, dass Lösegeld bezahlt wurde? Oder gibt es überzeugende Indizien?
Kommentar von Boche — 28.12.2005 @ 9:48 (UTC)
Ich muss mich doch wirklich fragen, in was für einer Welt wir leben - Was ist denn daran bewundernswert, wenn eine Mutter ihr Kind in fremder Obhut lässt um sich erneut in Lebensgefahr zu begeben ???
Kommentar von zana tillmann — 28.12.2005 @ 11:43 (UTC)
Was ist denn daran bewundernswert, wenn eine Mutter ihr Kind in fremder Obhut lässt um sich erneut in Lebensgefahr zu begeben ???
Kommt doch drauf an, was diese Frau zu tun gedenkt, oder?
Allerdings könnte man auch nach dem Vater fragen, der sich anscheinend auch nicht um das Kind kümmert.
Kommentar von Boche — 28.12.2005 @ 12:28 (UTC)
Ich habe grundsätzlich nichts dagegen, wenn die Bundesregierung mit etwas Geld dabei hilft, uralte Kulturgüter im ehemaligen Mesopotamien zu bergen oder zu schützen. In einer gewissen Weise sind dort auch Wurzeln unserer Kultur zu finden.
In der aktuellen Phase des Irak ist es aber nicht sinnvoll, eine deutsche Archäologin allein (und auf eigene Faust) dorthin gehen zu lassen. Wem ist denn damit geholfen, wenn eines Tages eine tote Archäologin nach Deutschland überführt wird? Den irakischen Kulturgütern sicher nicht.
Es wäre vielleicht möglich, die Ausgrabungsstätten durch eine irakische Sicherheitsfirma, durch die irakische Polizei oder meinetwegen auch durch den ortsansässigen Clan vor kriminellen Raubzügen oder Zerstörung schützen zu lassen — wenn es sich mit vertretbarem finanziellen Aufwand machen lässt. Aber streng genommen ist das auch zuallererst Sache der Iraker.
Also ein Ja zu einer gewissen technischen Hilfe, ein Ja zu Wissenstransfer, ein Ja zu einer vertretbaren Anschubfinanzierung. Aber ein ganz klares Nein zu weiteren Einsätzen der Frau Osthoff in einem Irak, wo sie jeden Tag entführt oder ermordet werden könnte. Wer sich in Gefahr begibt, der kann darin umkommen. Erst wenn im Irak wieder Friede herrscht, kann sie dort weitermachen.
Kommentar von stefanolix — 28.12.2005 @ 18:10 (UTC)
Nach dem Interview im “heute journal” muss man wohl sagen, dass hier ein kranker Mensch in das Licht der Öffentlichkeit gezerrt wird. Das macht den Fall noch eine Spur tragischer.
Kommentar von Rayson — 28.12.2005 @ 22:01 (UTC)
Ja, das habe ich gerade bei S&W auch in diesem Sinne kommentiert. Ich hoffe, dass sie in einem sicheren Land (nicht Irak, nicht Deutschland) für eine Weile ihren Frieden und ihre Ruhe finden wird.
Kommentar von stefanolix — 30.12.2005 @ 9:13 (UTC)