Ackermann und die Politik
Damit muss er nun wohl leben, der Herr Ackermann, dass er wieder von allen Seiten mit moralinsauren Vorwürfen überhäuft wird. Mein Mitleid hält sich allerdings so sehr in Grenzen, dass ich beim besten Willen die Stellungnahme meiner bevorzugten Partei nicht mehr verstehe: Die FDP nimmt das Urteil des BGH zum Anlass, Rechtsklarheit und Rechtssicherheit zu fordern. Moment mal, liebe Freunde. Bringt ihr etwa das Kunststück fertig, jemanden zu finden, der die Selbstbedienung (bzw. die Beihilfe dazu) der angeklagten Herren irgendwie für rechtmäßig gehalten hätte? Ich meine, außer der Kammer des Düsseldorfer Landgerichts, die äußerst zweifelhafte Konstrukte zu Hilfe nehmen musste, um die Freisprüche der Truppe zu begründen?
Neenee. Um zu wissen, dass diese Geschichte stinkt, brauche ich noch nicht einmal ein Jurastudium.

Hallo Rayson!
Ich habe gestern, eher unfreiwillig, jemanden gefunden, der das Vorgehen der beteiligten Herren nicht nur für rechtmäßig, sondern für international üblich und in diesem Fall für geradezu zwingend hält: Michael Adams, Professor für Wirtschaftsrecht. Hörst du hier (MP3, ca. 1 MB).
Wenn ich ihn richtig verstanden habe (da ich nebenher Wäsche aufgehängt habe, ist das nicht gewährleistet), hat er die Ansicht vertreten, dass niemand geschädigt worden sei, weil das in Rede stehende Geld quasi herrenlos herum lag. Es habe Mannesmann nicht mehr und Vodafone noch nicht gehört. Ausserdem sei ein solcher Freikauf derjenigen, die im neuen Unternehmen keine Rolle mehr spielen werden, bei Unternehmensfusionen üblich.
Ich finde diese Argumentation faszinierend. Wenn du das nächste Mal umziehst (scheint ja bei dir auch öfter vorzukommen), dann sag’ mir doch bitte Bescheid, wenn du die Umzugskartons gepackt hast. Dann komme ich vorbei und nehme mir, was ich brauche. Sollte ich dann angeklagt werden, werde ich mich darauf berufen, dass du ja immerhin deine alte Wohnung aufgegeben hattest und die neue noch nicht bezogen. Und woher sollte ich wissen, dass die Umzugskartons irgendjemandem gehören?
Meines Erachtens läuft die ganze Mannesmann-Geschichte unter einem völlig falschen Etikett, nämlich unter Wirtschaftsethik. “Die Manager” sagen: “Geld stinkt nicht. Und wir dürfen so viel verdienen, wie uns von den Anteilseignern zugestanden wird.” Und die Empörten auf der anderen Seite sagen: “Pfui! So viel Geld darf überhaupt niemand verdienen! Das ist unmoralisch!”
Dabei sollte es hier doch nur um die Fragen gehen: War das Gremium, das hier die Anweisung der betreffenden Summen verfügt hat, dazu berechtigt? sowie: Gab es für diese Sonderzahlungen einen Anlass?
Was die letzte Frage betrifft: Nö, gab es nicht. Insofern stimme ich dir zu, dass die Angelegenheit stinkt.
Kommentar von Marian Wirth — 22.12.2005 @ 14:45 (UTC)
Nachtrag:
Mittlerweile hat sich der Herr auch gegenüber dem manager magazin geäussert.
Kommentar von Marian Wirth — 22.12.2005 @ 16:41 (UTC)
Ja, auch für mich ist die Höhe der betreffenden Summe im Grunde unmaßgeblich. Aber dass Untreue vorlag, ist ja auch vom Landgericht festgestellt worden. Wenn jetzt noch der aufgrund der bekannt gewordenen Umstände sowieso höchst unglaubwürdige Verbotsirrtum kassiert wird, geht alles seinen rechtmäßigen Gang. Und das ist gut so.
Kommentar von Rayson — 22.12.2005 @ 16:45 (UTC)
Wer wäre denn das Opfer der Untreue?
Und wurde dieses Opfer um die ihm rechtlich gegebenen Einspruchsmöglichkeiten betrogen?
Kommentar von Boche — 22.12.2005 @ 16:59 (UTC)
Ich will sowieso noch etwas über die Reaktionen schreiben. Entweder heute oder dann erst nach den Feiertagen.
Kommentar von Rayson — 22.12.2005 @ 17:00 (UTC)
Wer wäre denn das Opfer der Untreue?
Formell die juristische Person Mannesmann AG. Wirtschaftlich deren Aktionäre und, etwas theoretischer, Gläubiger.
Zivilrechtliche Einspruchsmöglichkeiten dürften für den Tatbestand der Untreue irrelevant sein, wenn das Gremium zu dieser Entscheidung nicht berechtigt war.
Kommentar von Rayson — 22.12.2005 @ 17:11 (UTC)
Geschädigt wurden eindeutig die Aktionäre als Eigentümer.
Und da ändert es gar nichts, daß einige Großaktionäre mit der Untreue einverstanden waren - weil sie durch den Vodaphone-Deal Kasse machen konnten.
Es ist schon krass, wie viele (auch liberale) “Wirtschaftsfachleute” so etwas Grundlegendes wie den Schutz des Eigentums nicht mehr als Wert anerkennen, sobald sich höhere Angestellte an der Firmenkasse bedienen.
Das Wort “Unternehmer” ist für angestellte Manager ohnehin völlig fehl am Platze.
Kommentar von Ralf Arnemann — 23.12.2005 @ 18:26 (UTC)