B.L.O.G. - Bissige Liberale ohne Gnade

8.12.2005

Bauchschmerzen mit Sachs

Abgelegt in: Politik

Da hat er mich in der Lektüre überholt, der Bloggerkollege, aber ich schiebe das auf meine Unart, mehrere Bücher gleichzeitig zu lesen. So habe ich gerade Hoppes “Sozialismus oder Kapitalismus” hinter mich gebracht (mit wachsender Unlust), bin zur Zeit fasziniert von Surowieckis “Weisheit der Vielen”, schaue hin und wieder in Sieberts “Jenseits des sozialen Marktes”, habe schon Häppchen von Pinkers “Das unbeschriebene Blatt” genossen und kann es kaum erwarten, endlich richtig mit Lessigs “Free Culture” zu beginnen. Von dem Werk eines Autoren der “Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik”, will ich da schon gar nicht mehr reden, denn diese Lektüre war aus vielerlei Gründen für mich ein einziges Ärgernis. Jetzt ist es aber geschafft: “Das Ende der Armut” von Jeffrey D. Sachs ist durchgelesen.

Der Mann befindet sich eindeutig auf einer Mission. Sein Ansatz besteht vom Grund her aus einer Mischung ethischer Verpflichtung, politischer Notwendigkeit, technischer Machbarkeit und einem tiefen Glauben an die Wirkung von internationaler Zusammenarbeit. Alles das trägt, so scheint es mir, zu einer etwas verengten Sichweise auf die Problematik insgesamt bei, obwohl Sachs sich die Mühe macht, auf fast alle denkbaren Einwände einzugehen. Wo Boche z.B. als Fazit zieht, viele der herkömmlichen Erklärungen von afrikanischer Armut seien “unzureichend”, sind sie für Sachs in Wirklichkeit gänzlich bedeutungslos. Im Verlauf des Buches wechselt Sachs von Analyse zu Predigt (von den Erzählungen seiner Leistungen als doller Hecht in Ländern wie Bolivien und Polen mal abgesehen). Stellt er anfangs ziemlich überzeugend heraus, dass z.B. die geografischen Bedingungen eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Armut spielen, wird dieser Punkt mehr und mehr zur fast alleinigen Erklärung. Erklärt er zunächst Schuldenerlasse zu einem äußerst wichtigen Instrument, damit ärmere Länder wieder auf die Beine kommen, bezeichnet er sie hinterher als irrelevant, weil die Schulden sowieso nicht bedient würden und daher ein Erlass auch nicht zu mehr verfügbaren Mitteln führte (dahinter muss ein raffiniertes “sunk costs”-Konzept stecken).

Obwohl Sachs tatsächlich die Bedingung aufstellt, dass Fördergelder nur an Länder vergeben werden, deren Regierungen wirklich kooperieren, und eine “sorgfältige Verlaufs- und Erfolgskontrolle” fordert, wiederholt er aber im Prinzip vor allem nur eine Art umgekehrte Scientology-Formel: “Gebt Geld! Gebt mehr Geld!”

Nun hat er wohl in einem wirklich recht: Ohne zusätzliche Hilfe der reicheren Länder werden die ärmsten Länder aus ihrer Armutsfalle nicht herausfinden können. Ihr Volkseinkommen ist einfach zu klein für die notwendigen Investitionen in Gesundheit, Bildung und Infrastruktur. Und ich bin auch gerne bereit, seinen Maßnahmenkatalog und die dafür angestellten Berechnungen als das technisch Erforderliche anzusehen. Demnach müssten die reicheren Länder also für zehn Jahre ca. 0,5% ihres BIP in sein Programm investieren, was immerhin weniger als die 0,7% Entwicklungshilfe sind, die vor Ölkrisen mal zugesagt wurden, aber ungefähr doppelt so viel, wie zur Zeit wirklich in dem Sinn ausgegeben wird, dass es bei den armen Ländern als Mittelzufluss tatsächlich ankommt.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Woher sollen die reicheren Länder diese Mittel nehmen? Sachs stellt aus seiner naturgegeben US-zentrischen Sicht das hohe Wachstum heraus (mehr Hilfe würde also nur zu einer leichten Verzögerung steigenden Wohlstands führen), und er hat mit den 400 US-Top-Einkommensbeziehern auch schon den Personenkreis ausgemacht, der zur Finanzierung herangezogen werden kann. Kein Wunder, dass er hinsichtlich der politischen Durchsetzbarkeit seiner Forderungen so optimistisch ist, auch wenn in seinem Buch die historischen Beispiele für die Wirksamkeit politischer Kampagnen für einen Ökonomen geradezu erschreckend naiv geschildert werden. Mit einem Wort: Er lädt die Bürger in den USA ein, sich für ein hehres Ziel einzusetzen, indem sie sich ausschließlich bei den besagten 400 von ihnen bedienen.

Und da beginnen meine Bauchschmerzen. Nicht, dass mir diese 400 US-Bürger besonders am Herzen lägen, aber Sachs verlangt, dass die Regierungen der reicheren Länder die ihnen zur Verfügung stehende Staatsmacht dafür einsetzen, die für sein Programm erforderlichen Mittel per Enteignung von ihren Staatsbürgern, oder besser: nur einigen davon, zwangsweise einzuziehen. Das ist der sozialistische Ansatz: Ich bin ein guter Mensch, wenn ich Anderen etwas wegnehme, um es Bedürftigen zu geben. Nichts dagegen, wenn sich die Hilfsorganisationen in einer gemeinsamen Aktion den Plan von Sachs zu eigen machten und die deutsche Bevölkerung dazu aufforderten, ihr Scherflein beizutragen. Wer ein guter Mensch sein möchte, beteiligt sich dann eben daran. Ich würde für diesen Zweck auch gerne mehr geben als 0,5% meines Einkommens. Wir kriegen bestimmt Einiges zusammen, wenn wir z.B. mal all das Geld, das in Markenklamotten, Klingeltöne, Ego-Shooter, Geländewagen oder dubiose Schneeballsysteme gesteckt wird, heranziehen würden. Ganz freiwillig. Nur zehn Jahre lang. Soll doch ein Multi-Milliardär, der sich nicht großzügig beteiligt, täglich ein Bad in seinem Geldspeicher nehmen und Versuchsreihen anstellen, wie Kamele durch Nadelöhre passen: Den brauchen wir nicht, wenn wir wirklich helfen wollen.

Sachs versucht das staatliche Handeln ein wenig dadurch zu rechtfertigen, indem er behauptet, sein Hilfspaket diene dem Interesse des Staates, weil es “eindeutige Belege” gebe für einen “engen Zusammenhang zwischen extremer Armut im Ausland und Bedrohung der amerikanischen Sicherheitsinteressen”. Diese Belege nennt er aber nicht, sonder er führt nur Beispiele in Ländern auf, in denen es zwar wirtschaftliche Probleme gegeben hat, die aber nicht gerade das Kriterium von extremer Armut (Einkommen von weniger als einem Dollar pro Tag und Kopf) erfüllen (Deutschland 1933, Jugoslawien unter Milosevic, Irak 1990). Ähnliches wäre aus europäischer Sicht zu sagen: Das Sachs-Programm würde den Flüchtlingsdruck auf Europa nicht vermindern, sondern eher erhöhen. Extrem Arme sind für Kriege oder eine Flucht quer durch den Kontinent - zu arm.

Aus zynischer Staatsraison heraus (gibt es auch eine andere?) müsste das Sachs-Hilfsprogramm also sogar eher abgelehnt werden. Ein Eingreifen des Staates lässt sich somit nur dadurch begründen, dass er eine Robin-Hood-Ethik durchsetzen muss. Sind liberale Bauchschmerzen da nicht angebracht?

6 Meinungen »

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  1. “Sind liberale Bauchschmerzen da nicht angebracht?”
    Fencheltee hilft da ganz gut, is auch schön gelb…

    Mal im Ernst, wenn Liberale wie du mal in solchen Fragen mal ein bisschen pragmatischer denken würden, würden sie vielleicht erkennen, dass die 400 reichen Amerikaner auch nach der Umsetzung eines solchen Programmes alle Möglichkeiten zu biblisch motivierten Versuchreihen haben und ein paar Prozent höhere Besteuerung sie ungefähr so viel schädigt wie ich jetzt Hungersnot leide, weil, wie ich grade sehe, ein Krümel von meinem Brötchen noch auf dem Teller geblieben ist.

    hmm…

    Jetzt hab ich den Krümel doch noch gegessen… ;-)

    Kommentar von dointime — 8.12.2005 @ 19:39 (UTC)

  2. Danke für den Tipp ;-)

    Aber leider kann aus meiner Sicht für die Rechtfertigung der Ausübung staatlichen Zwangs auf seine Bürger kein Kriterium sein, über wieviel Einkommen oder Vermögen diese danach noch verfügen. Zumindest kein ausschließliches.

    Zuerst kommt die Berechtigung in der Sache, und erst dann können wir über Folgen reden.

    Kommentar von Rayson — 8.12.2005 @ 19:50 (UTC)

  3. Sachs ist sicher ein großartiger Ökonom, aber seine Erklärungsansätze finde ich alles andere als schlüssig. Sicherlich kann die geografische Lage eines Landes eine Rolle spielen, insbesondere in extremen Gebieten, aber ich würde sie für die meisten Länder nicht als Begründung gelten lassen. Einen guten Erklärungsansatz bietet meiner Meinung nach der peruanische Ökonom Hernado de Soto in seinem Buch “Freiheit für das Kapital”, indem er vor allem die Bedeutung von formalen Eigentumsrechten für die wirtschaftliche Entwicklung herausstellt. Sehr lesenswert, wenn auch streckenweise ein wenig langatmig geschrieben.

    Ich kann im übrigen folgende Zusammenstellung empfehlen:
    http://de.liberty.li/articles/entwicklungshilfe.php

    Hier werden verschiedene Entwicklungstheorien bzw. Entwicklungsansätze diskutiert.

    Kommentar von Hayek — 9.12.2005 @ 2:03 (UTC)

  4. Die Bauchschmerzen meines Blogkollegen drücken auch mich.
    Ein wenig. Denn meines Erachtens ist die hier geäußerte Kritik durchaus berechtigt, sie betrifft Sachs’ Buch aber nur peripher.
    Denn die Hauptaussage stellt aus meiner Sicht

    - zum einen die Analyse des Notwendigen dar. Und die Methodik, mit der aus Sachs’ Sicht sinnvoll analysiert werden kann. (Dass die geografische Komponente als so vordergründig erscheint, könnte auch an den jeweils gewählten Beispielen liegen. Und daran, dass Sachs auf diese bisher vielleicht zu oft vergessene Variable besonders aufmerksam machen wollte.)

    - Zum anderen gibt Sachs Antworten auf die Frage, wie Mittel eingesetzt werden sollten, um zu Ergebnissen zu gelangen. Nämlich durch streng vertraglich geregelte Vergabe, bei der die “good governance” und der Schuldenerlass (bei aller manchmal vielleicht anklingenden Zweideutigkeit) durchaus klar und explizit genannt werden.

    Dass Sachs dann wenig überzeugt, wenn er von den Möglichkeiten spricht, die Mittel aufzutreiben, ist richtig.
    Ob die 0,5% BIP nun durch “Reichensteuer” (die ja im Fall USA auch schlicht der Verzicht auf weitere Steuerentlastungen für Vielverdiener sein könnte) oder normale, nicht extra “diskriminatorische” Steuermittel aufgebracht werden, sollten die nationalen Parlamente selbst entscheiden. Das geht Sachs nichts an (außer im Fall USA, in dem er als Bürger sprechen kann).
    Auch die Diskussion über die Folgen der extremen Armut für die nationale Sicherheit reicher Länder muss nicht überzeugen. Beides ändert aber meiner Meinung nach am Nutzen des Buches wenig. Denn wenn man akzeptiert, dass es Armutsfallen gibt, aus denen Nationen aus eigener Kraft nicht herausfinden können, dann sollte Hilfe unstrittig sein. Und dann lohnt es sich auch, Sachs’ Analysen und Berechnungen anzuschauen, weil sie aus meiner Sicht überzeugend zu sein scheinen.

    Kommentar von Boche — 9.12.2005 @ 13:42 (UTC)

  5. Ich will diesen Beitrag auch vor allem als Ergänzung zu dem eher lobenden vorher verstanden wissen. Etwas Wasser in den Wein.

    Kommentar von Rayson — 9.12.2005 @ 15:24 (UTC)

  6. Dann sind wir uns ja einig. ;-)

    Kommentar von Boche — 9.12.2005 @ 15:37 (UTC)

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