SPONblog: “Hoch profitabel”
Es wird ja immer wieder gerne gefordert, ein Fach “Wirtschaft” an den Schulen verbindlich einzuführen. Davon halte ich nicht viel. Ein ordentlicher Mathematik- und Sprachenunterricht ist da sicher wertvoller. Aber wer sich als Journalist mit Wirtschaftsthemen beschäftigt, sollte sich doch wenigstens die nötigen Grundkenntnisse seiner Materie aneignen.
Bei “Gruner + Jahr” scheint man das anders zu sehen. Zunächst fanden die Wirtschaftsjournalisten von “Capital” heraus, dass ein Reifenwerk, welches der Automobilzulieferer Continental schließen möchte, einen Gewinn vor Zinsen und Steuern von 40 Millionen Euro gemacht habe. In der Vorabmeldung wird das wie folgt formuliert:
Die 3.700 Beschäftigten im Werk Hannover-Stöcken des Automobilzulieferers Continental arbeiten nach Informationen des Wirtschaftsmagazins “Capital” (Ausgabe 26/2005, EVT 8. Dezember) profitabel.
SPON begnügt sich nicht mit der verlagsinternen Resteverwertung, sondern setzt noch einen drauf. In der Einleitung zum Artikel wird aus “profitabel” deshalb mal eben noch schnell “hoch profitabel”, weswegen es “keinen wirtschaftlichen Grund” für die Schließung gebe.
Fangen wir mit dem kleinen Einmaleins der Betriebswirtschaft an. Eine absolute Zahl eines Gewinns vor Zinsen und Steuern, und mag sie uns Normalbürgern auch noch so hoch erscheinen (bei Conti sind 40 Mio Euro 4% des EBIT), sagt überhaupt nichts darüber aus, wie profitabel die betrachtete Einheit ist. Sie sagt noch nicht einmal etwas darüber aus, ob sie überhaupt profitabel ist, denn es ist eine Größe vor Kapitalkosten. Es macht nämlich einen kleinen Unterschied, ob ich 4 Milliarden Euro oder 400 Millionen Euro in etwas investiert habe, das mir 40 Millionen Euro p.a. bringt. 10% Kapitalrendite sind beachtlich, 1% ist weniger als nichts. Also: die Zahl klingt beeindruckend, sagt aber allein, ohne zusätzliche Informationen, rein gar nichts über die Profitabilität des betrachteten Werks aus. Sondern nur etwas über die Qualität von einigen Journalisten.
Jetzt nehmen wir aber mal an, die Aussage stimme und das Werk sei tatsächlich profitabel. Ist dann der Schluss zulässig, dass es für seine Schließung keinen wirtschaftlichen Grund gebe? Handelt der Conti-Vorstand im Rausch oder aus reinem Sadismus? Wohl eher nicht. Wir wissen alle, dass ein Sparbuch zwar Zinsen bringt, es aber wirtschaftlich viel vernünftiger ist, andere Anlageformen mit durchweg höherer Rendite bei vergleichbarem Risiko zu wählen. Wenn Continental die Ressourcen in anderen Bereichen des Unternehmens bei gleichem oder geringerem Risiko ertragreicher verwendet sieht, wäre das also sicher ein ziemlich überzeugender wirtschaftlicher Grund, seine Mittel umzuschichten.
Wahrscheinlich handelt Continental nur konsequent. Dieses Unternehmen war früher ein reiner Reifenhersteller, hat sich aber mehr und mehr auf andere Bereiche der Automobilzulieferung (die mittlerweile mehr als 50% zum Ergebnis beitragen) konzentriert, weil es in diesen die Zukunft des Konzerns sieht. Bei dieser Einschätzung ist es geblieben: Man rechnet im Reifenmarkt eher mit einer Konsolidierung, in anderen Märkten sieht man hingegen Wachstumschancen. Aus Unternehmenssicht ist es daher geradezu zwingend, knappe Mittel dort zu investieren, wo sie auf Dauer die höheren Renditen erwirtschaften. Die Einschätzung des Vorstands kann zutreffen oder nicht, aber wenn sie so aussieht, muss er entsprechend handeln.
Auch wenn Journalisten nicht verstehen, worüber sie berichten.
Update: G+J-Blatt FTD setzt diesen Unsinn fort, zeigt aber immerhin, dass auch CDU-Ministerpräsidenten seltsame wirtschaftliche Auffassungen vertreten können. Aber nicht unwitzig, wie sich die G+J-Postillen gegenseitig als “Presseberichte” zitieren…
