Entwicklungshilfe
Entwicklungshilfe? Bei diesem Wort klappen die Visiere der versammelten liberalen und kapitalistischen Blog-Schreiber herunter.
Reflexartig, weil gut-liberales Gewissen verschaffend, wird auf korrupte afrikanische Landesfürsten und die sozialistische Subventionspolitik der Europäer verwiesen. Der gutmenschliche Barde Bono wird mit selbstgerechtem Humor höhnisch verspottet. Es wird die reine Lehre gepredigt und Entwicklungshilfe ruck zuck für überflüssig erklärt. Der Markt werde es schon richten. Man lasse den Afrikaner am Welthandel teilnehmen und alles werde gut.
Zugegeben: Auch ich neige hin und wieder zu polemischen Vereinfachungen dieser und ähnlicher Art. In meinem Briefwechsel (hier zu finden) mit dem ehemaligen Künast-(später Trittin-)Ministerium für Verbraucherschutz und Landwirtschaft drückte sich meine Überzeugung aus, dass es die sozialistische Politik der Verhinderung von Freihandel (durch Zölle und Subventionen) ist, die Armut schafft und zementiert.
Aber man kann ja immer hinzulernen. Und bei genau diesem Hinzulernen half mir die Lektüre der Leseempfehlung meines Blog-Kollegen:
“Das Ende der Armut” von Jeffrey D. Sachs.
Dank Jeffrey Sachs hat sich meine Sichtweise nun etwas erweitert.
Selbstverständlich ist Marktwirtschaft zentralistischer Wirtschaftspolitik überlegen. Selbstverständlich schafft Kapitalismus dauerhaften und wachsenden Wohlstand, wie uns heute vor allem asiatische Volkswirtschaften lebendig vorführen.
Aber: Wenn man die extreme Armut (also die, die einen tatsächlich an Hunger oder eigentlich behandelbaren Krankheiten krepieren lässt) beseitigen möchte, muss man die Menschen erst einmal dazu befähigen, am Markt überhaupt teilnehmen zu können! Wer täglich um sein blankes Leben kämpft, wer seine Angehörigen reihenweise an Krankheiten sterben sieht, dem hilft die reine kapitalistische Lehre nicht. Damit Kapitalismus funktioniert, muss Kapital vorhanden und kumulierbar sein. Wie es Sachs anschaulich ausdrückt: Die Ärmsten der Armen brauchen Hilfe, um die unterste Stufe der Leiter zu erreichen. Den Rest schaffen sie dann allein.
Sachs plädiert leidenschaftlich für Entschuldung und massive, global koordinierte, aber auch kontrollierte und mit Verpflichtungen für Geber- und Nehmerländer verbundene Entwicklungshilfe.
“Das Ende der Armut” ist aus vielerlei Gründen ein wirklicher Lesegenuss. Jeffrey Sachs kann auf jahrzehntelange Erfahrung in der Beratung von Regierungen und internationalen Organisationen zurückgreifen. Diese Erfahrungen schildert er anschaulich und konkret. Begriffe wie Entwicklungshilfe und extreme Armut bekommen dank dieser Anschaulichkeit ein Gesicht.
Erwähnenswert finde ich auch Sachs’ vorurteilsfreie Herangehensweise an die Problematik. Statt auf akademische Diskussionen und Theorien zu setzen, bevorzugt er die (der Medizin abgeschaute) “klinische Betrachtung” des konkreten “Patienten”:
Woran liegt es, dass Land X besser vorankommt als Land Y? Welche Kriterien können dafür verantwortlich gemacht werden?
Sachs zeigt, dass die derzeit in der westlichen Öffentlichkeit gängigen Erklärungsmuster (”Korruption lässt Entwicklungshilfe versickern”, “die Afrikaner sind zu faul” etc.) die Lage nur unzureichend beschreiben. Sachs zeigt die Vielzahl der Faktoren (wirtschaftliche, politische, geografische etc.) auf, die Armut entstehen lassen können.
Er legt dar, dass die Ärmsten der Armen unsere Hilfe brauchen, um aus der Armutsfalle herauszukommen, dass sie aber auch fähig und willens sind dann irgendwann selbst Wohlstand schaffen zu können.
Gerade wir Deutschen, die der amerikanischen Entwicklungshilfe nach dem zweiten Weltkrieg unsere wirtschaftliche Führungsrolle und unseren Reichtum verdanken, sollten diese Lehren eigentlich verstehen können.

B.L.O.G.: Buch über Entwicklungshilfe
Boche vom B.L.O.G. - Bissige Liberale Ohne Gnad……
Kommentar von dirkmeister.de — 5.12.2005 @ 18:56 (UTC)