B.L.O.G. - Bissige Liberale ohne Gnade

9.11.2005

Einwanderung: Spot an!

Abgelegt in: Politik

Bassam Tibi schreibt Nachdenkenswertes in der FTD zu den aktuellen Ausschreitungen in Frankreich.

Interessant ist nicht nur die Wortwahl “Aufstand” und “Aufständische”, die auf einen sehr grundsätzlichen und dauerhaften Konflikt hindeutet. Interessant ist vor allem, wie radikal Tibi die europäischen “Lebenslügen”, wie er sie nennt, zerpflückt. Aus deutscher Sicht wirkt dieser Aufsatz alarmierend, ist es doch hier mittlerweile gute Staatsdoktrin, vor allem im Erwerb von Staatsbürgerschaft und Sprache des Wohnlandes Integrationserfolg zu messen. Beides besitzen die jugendlichen randalierenden Einwanderernachkommen in Frankreich. Es reicht nicht.

Für mich der Kerninhalt von Tibis Text:

Integration hat drei Dimensionen, die alle zueinander gehören: eine juristische (Einbürgerung), eine zivilgesellschaftliche (Annahme der Werte, Normen und Regeln der Gesellschaft) und eine wirtschaftliche (Arbeitsplatz und Wohnung).

Die Politik kann die juristische Dimension ziemlich einfach beeinflussen, weil es eine rein formale ist. Und prompt war das auch zunächst der Ansatz der rot-grünen Multikulti-Fans: Der Pass ist das Problem, die Lösung einfach. So gesehen sind die Ereignisse von Frankreich der Todesstoß für die naive rot-grüne Einwanderungsideologie.

Was die anderen beiden Dimensionen angeht, können wir uns um Henne und Ei, oder gut marxistisch um Unter- und Überbau streiten. Wichtig ist nur, dass es hier Wechselwirkungen gibt. Die Bewohner der Banlieus haben sicher nicht nur deswegen Probleme, an Jobs zu kommen, weil die französischen Unternehmen alle von Rassisten geleitet würden. Hier haben sich zwei Welten voneinander abgeschottet, die sich als nicht-kompatibel empfinden. Es mag grundsätzlich kein Problem sein, “anders” zu sein. Es wird zu einem, wenn es droht, die eigenen Werte nachhaltig zu beschädigen. Der Kern des Konflikts liegt hier. Warum leben die jungen französischen Staatsbürger die Werte ihrer Eltern, Großeltern oder der idealisiert empfundenen Herkunft und nicht die ihres säkularen Gastlands? Warum bekommen sie eine schlechtere Schulbildung als ihre “weißen” Landsleute? Könnte es sein, dass Einwanderung nicht nur eine statistische Größe zur Sanierung landeseigener Sozialsysteme ist, wie uns die Technokraten unserer Tage glauben machen wollen, sondern immer auch das Werfen eines nicht nur rational denkenden und handelnden Menschen in ein ihm fremdes Umfeld? Könnte das Konflikte eigener Art schaffen, auf die niemand vorbereitet ist?

15 Meinungen »

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  1. Man sollte sich hüten, hier etwas zu vergleichen, was strukturell verschieden ist. Die meisten Menschen mit Migrationshintergrund Frankreich kommen bzw. ihre Vorfahren kamen aus (ehemals) französischen Kolonien. Die Französische Kolonialgeschichte und der Algerienkrieg sind bis heute nicht richtig aufgearbeitet. Eine Identitätsbildung ist schwierig, weil eben Herkunftsland und jetziges Land durch einen koloniale Herrschaft verbunden waren. Frankreich ist nicht nur das Land, das heute keine Chancen bietet, sondern eben auch das Herkunftsland ausgebeutet hat. Da haben es die Nachfahren der “Gastarbeiter” einfacher, eine Identität auszubilden - mit oder ohne Pass.

    Kommentar von Kübelkind — 10.11.2005 @ 1:32 (UTC)

  2. Ok, der kolonialistische Hintergrund ist ein historischer Unterschied. Aber spielt der wirklich heute noch eine so wichtige Rolle, dass er den Unterschied ausmacht?

    Wie gesagt, die randalierenden Jugendlichen sind unbestritten Franzosen. Warum fühlen sie sich heute noch als Opfer?

    Kommentar von Rayson — 10.11.2005 @ 1:45 (UTC)

  3. > Die meisten Menschen mit Migrationshintergrund Frankreich
    > kommen bzw. ihre Vorfahren kamen aus (ehemals)
    > französischen Kolonien.
    Na und?
    Das ist erstens einmal schon eine ganze Weile her und hat wohl wenig damit zu tun, daß sich in den letzten Jahren Konflikte aufgebaut haben.

    Und zweitens: Wenn jemand aus einer ehemaligen Kolonie ausgerechnet in die ehemalige Kolonialmacht auswandert - dann ist das nun wirklich kein Beleg dafür, daß er dieses Land wegen angeblicher “Ausbeutung” ablehnt.

    Für die Krawalle von heute wäre jeder Verweis auf die Kolonialzeit nur eine billige Ausrede.

    Kommentar von Ralf Arnemann — 10.11.2005 @ 9:44 (UTC)

  4. Rayson,

    Ich habe zwar aufgrund deiner Wortwahl den Eindruck, dass du an einer Diskussion nicht wirklich interessiert bist, aber ich versuche trotzdem mal, einige Punkte entgegen zu halten:

    “ist es doch hier mittlerweile gute Staatsdoktrin, vor allem im Erwerb von Staatsbürgerschaft und Sprache des Wohnlandes Integrationserfolg zu messen.”

    Das sehe ich anders. Wenn ich Herrn Beck et al. (hinsichtlich Staatsbürgerschaft) sowie Herrn Beckstein et al. (hinsichtlich Sprache) richtig verstehe, dann sind das keine Parameter zur Messung des Integrationserfolgs, sondern vielmehr Voraussetzungen, um überhaupt mit der Integration beginnen zu können.

    “Und prompt war das auch zunächst der Ansatz der rot-grünen Multikulti-Fans: Der Pass ist das Problem, die Lösung einfach. So gesehen sind die Ereignisse von Frankreich der Todesstoß für die naive rot-grüne Einwanderungsideologie.”

    Dass die Zuwanderung unter der rot-grünen Regierung zugenommen hätte, wäre mir neu. Es geht hier doch wohl eher um die Einbürgerungs”ideologie”. Diese ist eher grün als rot. Im Gegensatz zu den Grünen haben wir Sozen es nämlich - trotz anderslautender Gerüchte - immer noch nicht geschafft, ein konsistentes, mehrheitsfähiges Konzept in dieser Frage zu erarbeiten.

    Ich kann mich noch gut an die ersten Wochen nach Inkrafttreten des neuen Staatsangehörigkeitsrechts erinnern. Damals wurde in Berlin jeder eingebürgert, der zwei Beine hatte und einen entsprechenden Antrag stellte. Ich habe das damals schon für falsch gehalten. Und für eine solche Wahlloseinbürgerung gibt es in der SPD mit Sicherheit keine Mehrheit. Wenn denn die Basis mal gefragt würde.

    Im übrigen sehe ich keinen Todesstoß, weil Pass und Sprache eben nur zwei Bausteine auf dem Weg zu einer Integration sind - und nicht die allein seeligmachende Zauberformel. Dass das viele bei den Grünen (immer noch) anders sehen, tut mir Leid für sie, rechtfertigt es aber nicht, von “rot-grüner Einwanderungsideologie” zu sprechen.

    Und zu diesem abfälligen Begriff “Multi-Kulti-Fans”: Ich wäre schon sehr dankbar, wenn ich hier oder in einem anderen Blog auf Eurer Blogroll eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem “Mult-Kulti-Begriff” finden könnte. Bis jetzt: Fehlanzeige.

    M.E. gibt es mindestens drei Lager von “Multi-Kulti-Befürwortern”: 1.) Diejenigen, die eine multikulturelle Gesellschaft anstreben, weil sie sich davon eine Belebung der Ursprungsgesellschaft versprechen. 2.) Die von dir als “Technokraten” Bezeichneten, die sich von einer Zuwanderung die Sanierung unsererer maroden Sozialsysteme versprechen. Das halte ich schon deshalb für falsch, weil dadurch ja auch neue Anspruchsberechtigungen entstehen, die zusammen mit den Integrationsproblemen zu einem Scheitern dieses Ansatzes führen müssen. 3.) Diejenigen, denen es mit der multikulturellen Gesellschaft etwa so geht wie mit der Globalisierung: Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Tatsache; es gibt sie bereits. Und die einzige mir bekannte Partei, die diese Tatsache (mit IMHO untauglichen Mitteln) wieder rückgängig machen will, ist die NPD.

    Darüber hinaus bin ich der Ansicht, dass ein wesentlicher Grund für den andauernden wirtschaftlichen Erfolg der USA eben ihre Multikulturalität ist - und das ein wesentlicher Grund, warum Japan seit 15 Jahren nicht mehr aus dem Quark kommt, deren Schmoren im eigenen japanischen Saft ist. Für eine generelle Ablehnung von Multi-Kulti besteht deshalb für mich kein Anlass.

    Schliesslich möchte ich noch darauf hinweisen, dass der französische Innenminister Sarkozy beabsichtigt, alle an den Ausschreitungen beteiligten Ausländer umgehend auszuweisen. Wie er am Mittwoch vor der Nationalversammlung mitteilte, wurden bis dato 122 Nicht-Franzosen im Zusammenhang mit den Ausschreitungen festgenommen. (Ich würde gerne einen Link setzten, aber Euer Spam-Filter ist mir einfach zu gierig, sorry.) Ich finde, dass das eine beachtliche Zahl ist, die man nicht völlig unter den Tisch fallen lassen sollte. Insofern geht es hier eben nicht nur um das französische Integrationsmodell mittels Staatsangehörigkeitsrecht.

    Kommentar von Marian Wirth — 10.11.2005 @ 12:13 (UTC)

  5. Endlich mal ein Araber der klar Farbe bekennt in puncto Islam und schlechte Integration. In Europa und zu Teilen auch in den USA gibt es immer noch so was wie ein religiöses
    Appeasement gegenüber dem Islam. Das jedoch stärkt letztlich nur die Fundamentalisten und schwächt die demokratische Kultur.In sehr vielen Einwandererfamilien ist der Islam immer noch ein Haupthinderniss für eine bessere
    Eingliederung in die Gesellschaft, wobei ich in erster Linie nicht die Religion an sich meine, sondern Ihre archaische Ausleguung gepaart mit hochdosiertem Sexismus (Ehrenmorde).Was mich aber schon stört ist der Ausspruch: ‘’Den Islam gibt es nicht'’. Wenn dass der Fall wäre gebe es auch nicht ‘’den Koran'’ oder ‘’den Propheten Mohammed'’. Insgesamt finde ich ,dass der Westen den Islam ein bisschen sezieren muss um keine falsche Analyse zu erstellen wie jüngst dass BKA im Fall Raddatz.

    Kommentar von A.K.F.L. — 10.11.2005 @ 12:43 (UTC)

  6. Warum leben die jungen französischen Staatsbürger die Werte ihrer Eltern, Großeltern oder der idealisiert empfundenen Herkunft und nicht die ihres säkularen Gastlands?

    Dass der realexistierende Islam in Frankreich einige maghrebinische Einwandererkinder und Einwandererkindeskinder in sich selbst bzw. die lokale Umma integriert und insofern seinen Teil zur Desintegration derselben beigetragen hat und beiträgt, sei unbestritten.

    Nur machst du es dir schon etwas einfach, wenn du stillschweigend voraussetzt, dass 1. alle die z.B. den Kindergarten vor der Haustür abfackeln auch in die Moschee rennen und/oder 2. die Werte ihrer Eltern und Großeltern teilen.

    Zumal es eben nicht nur die Kinder und Kindeskinder von Einwanderern aus dem Maghreb sind, die plötzlich die vermeintlichen Hooligan-Werte ihrer Eltern und Großeltern praktizieren, sondern auch die der zweitgrößten Einwanderergruppe, bestehend aus jugendlichen Randalierern schwarzafrikanischer Herkunft - Entgegen der Behauptung von Bassam Tibi bei weitem nicht alle auch Muslime*, geschweige denn praktizierende Muslime.

    Dementsprechend vermag ich hinter dem französischen Flächenbrand keine politische Ideologie bzw. Theologie zu erkennen.

    Die Gewalt ist mehr oder weniger ziellos. Es wird nicht nur der französische Staat in Form seiner Polizei oder pädagogischen Einrichtungen angegriffen oder angezündet, sondern eben auch Autos von Bewohnern der banlieues und Geschäfte und gastronomische Einrichtungen, die sich nicht in urfranzöischer Hand befinden oder in denen zumindest nicht nur alteingesessene Franzosen arbeiten.

    Zusätzlich gibt es, last but not least, so gut wie keine politischen Forderungen. Die Message besteht aus reiner Negation.

    Und soviel noch zu der Behauptung von Bassam Tibi, Europa, also auch Deutschland, sei entgegen dem landläufigen Anschein keine Festung und würde seine Einwanderung in keiner Weise steuern.

    *Ruanda islamisch und westafrikanisch?! Kongo (Republik + Brazzaville) islamisch und westafrikanisch?! Kamerun islamisch und westafrikanisch?!

    Kommentar von Patentizität — 10.11.2005 @ 14:54 (UTC)

  7. @Marian

    Ich habe zwar aufgrund deiner Wortwahl den Eindruck, dass du an einer Diskussion nicht wirklich interessiert bist, aber…

    Du bist nicht zufällig Lehrer oder beabsichtigst, es zu werden? ;-)

    Es liegt mir wenig daran, die Sache mit einer parteipolitischen Brille zu betrachten. Wenn die SPD sich zu einer vernunftgetriebeneren Integrations- und Einwanderungspolitik durchringen kann als die vor allem in der ersten Hälfte ihrer Regierungszeit von der scheidenden Bundesregierung forcierte , soll mir das Recht sein.

    Allerdings ist Integration nichts, was das aufnehmende Land im Alleingang bewerkstelligen kann. Es kann durch verpflichtende Vorschulangebote versuchen, Sprachkompetenzen zu verbessern, und es kann auch jedem Fremden die Staatsbürgerschaft hinterherwerfen. Wie Frankreich zeigt, ist damit aber noch nichts gewonnen.

    Ja, eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem “Multi-Kulti-Begriff” wurde auf diesem Blog bisher nicht geführt. Aber erstens hat dieses Thema das mit Tausenden anderer Themen gemeinsam, und zweitens wollen wir mit unseren Beiträgen im B.L.O.G keine akademischen Seminare simulieren. Den Verweis auf die Blogroll buche ich nun meinerseits unter Polemik, denn was da bei uns verlinkt ist, lässt sich überhaupt nicht unter einen Hut bringen, weder von der Motivation der Autoren noch vom Inhalt her.

    Jeder wird sich unter “Multi-Kulti” etwas Anderes vorstellen. Die grüne Begeisterung für diesen Begriff hat sicher mehrere Wurzeln, angefangen von der Verklärung ausländischer Lebensstile (”Toskana-Fraktion”) bis hin zu einer sehr emotionalen Ablehnung der eigenen Nation. Wer gerne ausländische Speisen mag und sich an ausländischen Kulturveranstaltungen erfreut, wird mit “Multi-Kulti” dann überwiegend positive Eindrücke verbinden, wenn er den Kontakt konsumorientiert steuern kann. Das tägliche Aufeinandertreffen unterschiedlicher Verhaltensweisen und Wertvorstellungen überlässt der aufgeklärte Weltoffene aber dann doch gerne der Plebs in den Innenstädten. Dabei ist es bekannt, welche Voraussetzungen für Integrationserfolge wichtig sind. Der Vergleich mit den USA führt hier zum größten Teil in die Irre, denn lange Jahre war dort jedem Einwanderer klar, dass er sein Zuhause definitiv verlässt, um auf Dauer in einem fremden Land zu leben. Üblicherweise ist meist schon die erste Nachkommenschaft der Einwanderer vollkommen “amerikanisiert”, was von den Eltern auch gebilligt und gefördert wird. Mit der für Europa typischen Einwanderung lässt sich am Ehesten der Zustrom aus Mexiko vergleichen: Hier kommen die Migranten aus dem Nachbarland, zu dem sie weiterhin enge Verbindungen unterhalten, was sich auch in einer entsprechend geringeren Integrationsbereitschaft zeigt. Diese Art von “Multi-Kulti” wird auch in den USA nicht gerade als bereichernd empfunden. Ein großer Zaun kündet davon mehr als deutlich. Es gibt aber einen gewaltigen Unterschied zwischen den USA und Europa, und das ist die Ausgestaltung der Sozialsysteme. Integrationsmisserfolg kann in Europa deutlich länger überleben als in den USA. Er kann sich hier sogar vererben.

    Aus meiner Sicht sind deutlich über 50% der Integration eine Bringschuld der Einwanderer. Die Einheimischen haben in erster Linie die Pflicht, Integrationshemmnisse zu beseitigen. Dazu gehört aber nicht, z.B. Sprachkurse wie Sauerbier anzubieten: Wer die Sprache des Wohnlands nicht lernen will, ist kein Einwanderer, sondern höchstens Wanderarbeiter oder Sozialarbitrageur.

    Es ist klar, dass Einwanderer ihre eigene Kultur nicht an der Garderobe ihres neuen Wohnlandes abgeben können, aber sie müssen hinreichende Kompetenzen erwerben wollen, um zu ihm “schnittstellen-kompatibel” zu sein. Das fällt gerade dann nicht leicht, wenn ausgerechnet die Einwanderergruppen in hoher Zahl auftreten, deren Wertvorstellungen zum Teil eklatant von der des Wohnlands abweichen. Dann bilden sich schnell die berühmt-berüchtigten Parallelgesellschaften. Wie soll denn Integration Erfolg haben, wenn die Lebensweise der Menschen im Wohnland von den Einwanderern grundsätzlich abgelehnt wird? Für “Multi-Kulti”-Fans ist die Sache schnell klar: Die Einheimischen hätten sich eben auch ein Stück weit anzupassen. Das sagt sich natürlich einfach, wenn man selbst darunter nur einmal mehr zum Italiener gehen versteht und ansonsten im idyllischen Grünen auf dem Lande lebt. Im Grunde ist das aber nicht nur eine unzumutbare, sondern auch eine unerfüllbare Forderung, da man sich nicht an alle Einwandergruppen gleichzeitig anpassen kann. Es gibt eben in jedem Land doch nur eine “Leitkultur” als den gemeinsamen Nenner aller dort lebenden In- und Ausländer. Auf diese “Leitkultur” hin müssen die Integrationsbestrebungen ausgerichtet sein - alles andere funktioniert nicht.

    Wir sind in Deutschland immer noch dabei, Einwanderung und Integration nicht ehrlich genug zu betrachten. Das ist zum Teil gewollt, nicht nur von den oben genannten “Multi-Kulti”-Fans, sondern auch von bestimmten Wirtschaftsinteressen, die sich ein größeres, anspruchsloseres und günstigeres Arbeitsangebot erhoffen (siehe “Green Card”-Aktion). Die Probleme des Zusammenlebens, die sich daraus ergeben können, werden dabei am Liebsten ignoriert und totgeschwiegen, wie Atommüll, den man irgendwo tief in Bergwerkschächten aus den Augen und aus dem Sinn haben möchte. Ghettos sind dazu hervorragend geeignet. Mit dem Hinweis auf die NPD kann ich im Übrigen nicht viel anfangen. Wenn wir das Aufgreifen von Integrationsproblemen generell als rechtsextrem tabuisieren, verschaffen wir solchen Leuten nur eine dankbare Marktnische als Vehikel für ihre simplen Botschaften.

    Kommentar von Rayson — 10.11.2005 @ 17:25 (UTC)

  8. (Rayson, ist mein nachmittäglicher Beitrag wegen des darin enthaltenen Links eurem Spam-Filter zum Opfer gefallen?)

    Kommentar von Patentizität — 10.11.2005 @ 18:29 (UTC)

  9. (@Patentizität
    Ja. Ich habe ihn gerade erst entdecken und freischalten können.)

    Kommentar von Boche — 10.11.2005 @ 18:38 (UTC)

  10. Dementsprechend vermag ich hinter dem französischen Flächenbrand keine politische Ideologie bzw. Theologie zu erkennen.

    Ich auch nicht. Es gibt aber offensichtlich ein paar Faktoren, die zu der Trennung dieser Jugendlichen von der übrigen französischen Gesellschaft beitragen und nicht nur sozialer Natur sein können.

    Die Nachrichten sind ja nicht neu. Schon bei den Schülerdemos gegen die Politik des vorherigen Premierministers wurde berichtet, dass wahllos weiße Schüler von “Arabern” und “Schwarzafrikanern” zusammengeschlagen wurden.

    Kommentar von Rayson — 10.11.2005 @ 18:45 (UTC)

  11. Rayson,

    “Du bist nicht zufällig Lehrer oder beabsichtigst, es zu werden?”

    Ertappt ;-) . Naja, fast jedenfalls. Ich bin doppeltes Lehrerkind und habe letztes Jahr vier Monate lang versucht, chinesischen Mittelschülern in Nanning Englisch beizubringen. Damit sind meine Ambitionen in dieser Hinsicht allerdings erschöpft.

    “Wenn die SPD sich zu einer vernunftgetriebeneren Integrations- und Einwanderungspolitik durchringen kann als die vor allem in der ersten Hälfte ihrer Regierungszeit von der scheidenden Bundesregierung forcierte , soll mir das Recht sein.”

    An der Basis ist der Ausdruck “vernunftgetriebene SPD” durchaus keine contradictio in termini. Das Thema “Vernunft und SPD-Parteispitze” möchte ich hingegen lieber nicht vertiefen…

    “Allerdings ist Integration nichts, was das aufnehmende Land im Alleingang bewerkstelligen kann. Es kann durch verpflichtende Vorschulangebote versuchen, Sprachkompetenzen zu verbessern, und es kann auch jedem Fremden die Staatsbürgerschaft hinterherwerfen. Wie Frankreich zeigt, ist damit aber noch nichts gewonnen.”

    D’accord.

    “Aber erstens hat dieses Thema das mit Tausenden anderer Themen gemeinsam,”

    Das stimmt. Aber m.E. gehört dieses Thema (multikulturelle Gesellschaft, Integration, Migration…wie das Kind letztendlich heisst, ist wohl nachrangig) unter die Top 5. Meinetwegen auch “ergebnisoffen”, wie es so schön heißt.

    “und zweitens wollen wir mit unseren Beiträgen im B.L.O.G keine akademischen Seminare simulieren.”

    Na gut. Das mache ich dann in meinem Blog. Wenn ich denn mal eins habe.

    “Den Verweis auf die Blogroll buche ich nun meinerseits unter Polemik, denn was da bei uns verlinkt ist, lässt sich überhaupt nicht unter einen Hut bringen, weder von der Motivation der Autoren noch vom Inhalt her.”

    Okay, das Bild-Blog hatte ich übersehen ;-) . (Ernsthaft: Dein Vorwurf ist berechtigt. Und polemisch will ich nicht sein.)

    “Das tägliche Aufeinandertreffen unterschiedlicher Verhaltensweisen und Wertvorstellungen überlässt der aufgeklärte Weltoffene aber dann doch gerne der Plebs in den Innenstädten.”

    …oder er tut sich damit leichter, weil er, bezogen auf einen bestimmten Kulturkreis, einen weiteren intellektuellen Horizont hat. Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Dass die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur gelassener auf die jüngsten Äußerungen des iranischen Präsidenten reagieren kann als ich, weil sie Farsi spricht und diese Rhetorik seit Jahrzehnten verinnerlicht hat, hilft mir (und den meisten Deutschen, die kein Farsi können und keine Islamwissenschaftler sind) nicht weiter. Das gleiche gilt in Alltagssituationen: Selbst wenn ich wollte, könnte ich kaum alle Situationen vermeiden, in denen sich Ausländer oder Ausländerinnen aus anderen Kulturkreisen durch mein Verhalten beleidigt fühlen könnten. Jemand, der sich in einem bestimmten Kulturkreis jahrelang aufgehalten hat (und davon gibt es bei den grünen “Multi-Kulti pur”-Befürwortern nunmal eine ganze Reihe), tut sich damit leichter - und verkennt mitunter, dass Otto Normalverbraucher diesen “multi-kulturellen” Hintergrund nicht hat und nicht haben kann und auch in diesem Leben sich nicht mehr aneignen wird.

    “Der Vergleich mit den USA führt hier zum größten Teil in die Irre, denn lange Jahre war dort jedem Einwanderer klar, dass er sein Zuhause definitiv verlässt, um auf Dauer in einem fremden Land zu leben. Üblicherweise ist meist schon die erste Nachkommenschaft der Einwanderer vollkommen “amerikanisiert”, was von den Eltern auch gebilligt und gefördert wird.”

    Das ist für mich der Knackpunkt. Und deshalb habe ich das Beispiel der USA auch bewusst gewählt. Wenn ein Zusammenleben von Menschen aus ursprünglich sehr verschiedenen Kulturkreisen überhaupt gelingen kann, dann nach US-amerikanischem Vorbild. Die beiden Vorraussetzungen, die dazu unbedingt nötig wären, fehlen allerdings in Deutschland: Das Zielland muss ein Einwanderungsland sein. Und die Zielgesellschaft muss von den Ankömmlingen zumindest eine offizielle Abnabelung von ihrem Herkunftsland verlangen. (Was die Einwanderer in ihren vier Wänden machen, spielt in den USA auch keine Rolle.) Um eine solche Abnabelung, verbunden mit der Adaption der Werte des Einwanderungslandes verlangen zu können, muss die Gesellschaft des Einwanderungslandes sich über seine eigenen Werte grundsätzlich im klaren sein. Auch das ist in Deutschland nicht der Fall, wie die Reaktionen auf die Aktion “Du bist Deutschland” und die immer wieder aufflammende “Leitkultur”-Debatte zeigen.

    “Mit der für Europa typischen Einwanderung lässt sich am Ehesten der Zustrom aus Mexiko vergleichen: Hier kommen die Migranten aus dem Nachbarland, zu dem sie weiterhin enge Verbindungen unterhalten, was sich auch in einer entsprechend geringeren Integrationsbereitschaft zeigt. Diese Art von “Multi-Kulti” wird auch in den USA nicht gerade als bereichernd empfunden.”

    …und George W. Bush bekommt gerade ziemlichen Gegenwind aus seiner eigenen Partei (als ob er nicht schon Probleme genug hätte), weil ihm vorgeworfen wird, zu wenig gegen die illegale Einwanderung, insbesondere aus Mexiko, zu tun und sich stattdessen auf die Eingliederung von “guest worker” zu fokussieren. Als ich das neulich in der NYT las, war ich doch ziemlich baff. Da stellt sich das US-amerikanische Integrationsmodell als leistungsfähiger als die einzelnen europäischen heraus - und GWB will auf einmal “guest worker” ins Land holen? Im Gegensatz zu so manchem Linken verstehe ich ja einiges, was GWB bisher gemacht hat - aber DAS nicht. Absolut nicht.

    “Es gibt aber einen gewaltigen Unterschied zwischen den USA und Europa, und das ist die Ausgestaltung der Sozialsysteme. Integrationsmisserfolg kann in Europa deutlich länger überleben als in den USA. Er kann sich hier sogar vererben.”

    Und weil das so ist, ist die Ausgestaltung des Asylbewerberleistungsgesetzes und die grundsätzliche Ablehnung und Diffamierung von “Wirtschaftsflüchtlingen”, wie sie von der CDU/CSU und weiten Teilen der SPD seit Jahrzehnten betrieben wird, eine Katastrophe. Es gibt in Deutschland ausgebildete Lehrerinnen und sonstige Hochschulabsolventinnnen aus der Ukraine, die auf den Strich gehen, hervorragende Violonisten aus Rumänien, die in Fussgängerzonen spielen und Afrikaner, die ein liegengebliebenes Auto mit einer Damenstrumpfhose und einer verbogenen Büroklammer wieder fahrtüchtig machen können. Und wie gehen wir mit diesen Talenten um? Wir stecken sie in Heime oder subventionierte Wohnungen und verbieten ihnen ausdrücklich die Aufnahme einer ihren Lebensunterhalt finanzierenden Tätigkeit. Und wenn ihr Asylverfahren rechtskräftig negativ beschieden worden ist, lassen wir es zu, dass sie in die Illegalität abtauchen und wohlmöglich noch mit gefälschten Papieren weitere Sozialleistungen erschleichen. Kannst du mir das erklären?

    “Aus meiner Sicht sind deutlich über 50% der Integration eine Bringschuld der Einwanderer. Die Einheimischen haben in erster Linie die Pflicht, Integrationshemmnisse zu beseitigen. Dazu gehört aber nicht, z.B. Sprachkurse wie Sauerbier anzubieten: Wer die Sprache des Wohnlands nicht lernen will, ist kein Einwanderer, sondern höchstens Wanderarbeiter oder Sozialarbitrageur.”

    Ich habe keine Scheu, an dieser Stelle einen Kommentar zu zitieren, den ich vor ein paar Tagen in dem Blog einer US-Amerikanerin taiwanesischer Abstammung geschrieben habe:

    “On the other hand, especially some people of turkish descent are constantly whining about being “excluded”. Well, that’s a two-way road, isn’t it? I remember my father (a former primary school teacher) being desperate about the fact, that the children of guys he taught some 20 years ago weren’t able to speak German, due to the circumstance that the lingua franca among them still was turkish. So, who was taking the exclusion bus to exclusion town here?
    I’m sick and tired of this “exclusion/offension” talk.”

    “Wie soll denn Integration Erfolg haben, wenn die Lebensweise der Menschen im Wohnland von den Einwanderern grundsätzlich abgelehnt wird?”

    Das Interessante ist doch, dass unser “Gastarbeiter”-Modell die Ablehnung noch verstärkt, sie vielleicht sogar erst hervorruft. In den USA gibt es ja auch Einwanderer aus Iran, Tunesien, Afghanistan etc. pp. Aber von den Terroristen, die bisher Anschläge gegen US-amerikanische Einrichtungen und Menschen verübt haben, stammte, so weit ich weiß, nicht ein einziger aus den USA selbst. Und jeder der berühmten Kairoer Taxi-Fahrer (pars pro toto), die anti-amerikanische Parolen in ein Mikro quaken, das ihnen ein westlicher Reporter hinhält, würde sofort verstummen und sich freudestrahlend ans Kofferpacken machen, wenn man ihm eine green card in die Hand drückte.

    “Es gibt eben in jedem Land doch nur eine “Leitkultur” als den gemeinsamen Nenner aller dort lebenden In- und Ausländer. Auf diese “Leitkultur” hin müssen die Integrationsbestrebungen ausgerichtet sein - alles andere funktioniert nicht.”

    Wie oben schon angedeutet, bin ich mittlerweile überzeugt, dass es bei uns diese Leitkultur eben nicht (mehr) gibt. Wünschenswert wäre sie, eine Diskussion darüber ist überfällig - aber vorhanden ist sie nicht.

    “Die Probleme des Zusammenlebens, die sich daraus ergeben können, werden dabei am Liebsten ignoriert und totgeschwiegen, wie Atommüll, den man irgendwo tief in Bergwerkschächten aus den Augen und aus dem Sinn haben möchte.”

    Schade, dass ich unlängst der Polemik abgeschworen habe. Sonst würde ich daraus jetzt die Schlagzeile machen: RAYSON HÄLT MIGRANTEN FÜR ATOMMÜLL!

    “Mit dem Hinweis auf die NPD kann ich im Übrigen nicht viel anfangen. Wenn wir das Aufgreifen von Integrationsproblemen generell als rechtsextrem tabuisieren, verschaffen wir solchen Leuten nur eine dankbare Marktnische als Vehikel für ihre simplen Botschaften.”

    So war das nicht gemeint. Überhaupt nicht. Vielmehr wollte ich damit fragen, was denn der Lösungsansatz der Leute ist, die von “multi-krimineller” Gesellschaft oder vom “Scheitern des Multi-Kulti-Projektes” sprechen. Selbst wenn wir morgen einen völligen Einreise-Stopp für Ausländer und Ausländerinnen verhängten, änderte das nichts daran, dass sich im Moment ein paar Millionen von ihnen rechtmäßig in Deutschland aufhalten. Wem das nicht passt und wer gleichzeitig jede Diskussion darüber, wie wir mit diesen Menschen umgehen sollen, mit dem Hinweis unterbindet, Multi-Kulti sei gescheitert, der muss doch sagen, was an die Stelle der von ihm abgelehnten Integration treten soll. Und in dieser Hinsicht ist die NPD die einzige Partei, die ein klares Konzept hat: Einreise-Stopp und Massenausweisung, pardon, “freiwillige Rückführung”.

    Auf dich war dieser Hinweis auf die NPD in keiner Weise gemünzt.

    So, jetzt ist dieser Thread hier doch noch zum Seminar geworden. Aber daran bist du nicht ganz unschuldig.

    Kommentar von Marian Wirth — 10.11.2005 @ 23:37 (UTC)

  12. Marian: Dass die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur gelassener auf die jüngsten Äußerungen des iranischen Präsidenten reagieren kann als ich, weil sie Farsi spricht und diese Rhetorik seit Jahrzehnten verinnerlicht hat, hilft mir (und den meisten Deutschen, die kein Farsi können und keine Islamwissenschaftler sind) nicht weiter.

    Von Nicht-Islamwissenschaftler und Nicht-Farsi-Sprecher zu Nicht-Islamwissenschaftler zu Nicht-Farsi-Sprecher:

    Ich weiß zwar nicht, was Katajun Amirpur im Hinblick auf die jüngsten Äußerungen des iranischen Präsidenten abgesondert hat (Süddeutsche?), ich kann dir jedoch versichern, dass es hierzulande einige deutsche Exiliraner bzw. Kinder von deutschen Exiliranern (und sogar auch den einen oder die andere IslamwissenschaftlerIn) gibt, deren Gelassenheit diesbezüglich weniger der von Katajun Amirpur entspricht, sondern mehr deiner Besorgnis.

    Die Frau hat übrigens auch noch von den Reformen unter Chatami geschwärmt, als jedem politisch halbwegs nüchtern denkenden Menschen, der sich ein wenig mit dem Iran beschäftigt hat - darunter nicht nur Farsi-Sprecher - klar geworden war, dass es mit diesen nicht weit her ist.

    Kommentar von Patentizität — 11.11.2005 @ 16:01 (UTC)

  13. @Marian

    Dann können wir, vorausgesetzt, dass ich nicht wie eigentlich gewohnt der SPD die Schuld an allen Übeln dieser Welt zuschiebe ;-) , ja weitgehend von einem Konsens ausgehen.

    Ich bin doppeltes Lehrerkind und habe letztes Jahr vier Monate lang versucht, chinesischen Mittelschülern in Nanning Englisch beizubringen.

    Soso, Know-how an den Weltmarktkonkurrenten abgegeben. Du Landesverräter.

    Jemand, der sich in einem bestimmten Kulturkreis jahrelang aufgehalten hat (und davon gibt es bei den grünen “Multi-Kulti pur”-Befürwortern nunmal eine ganze Reihe), tut sich damit leichter - und verkennt mitunter, dass Otto Normalverbraucher diesen “multi-kulturellen” Hintergrund nicht hat und nicht haben kann und auch in diesem Leben sich nicht mehr aneignen wird.

    Das ist sicher richtig und erklärt vielleicht manches Verhalten, aber ich bezweifle wirklich, dass ein signifikanter Teil der “Multi-Kulti”-Fans die Türkei je anders als am Strand von Antalya erlebt hat.

    Und wie gehen wir mit diesen Talenten um? Wir stecken sie in Heime oder subventionierte Wohnungen und verbieten ihnen ausdrücklich die Aufnahme einer ihren Lebensunterhalt finanzierenden Tätigkeit. Und wenn ihr Asylverfahren rechtskräftig negativ beschieden worden ist, lassen wir es zu, dass sie in die Illegalität abtauchen und wohlmöglich noch mit gefälschten Papieren weitere Sozialleistungen erschleichen. Kannst du mir das erklären?

    Klar, und du kannst es dir ja auch denken. Es geht eben hauptsächlich darum, die Zuwanderung tatsächlich auf diejenigen zu beschränken, die politisches Asyl suchen und alle anderen abzuschrecken. Als Liberaler wird man wohl keinen Grund sehen, “Wirtschaftsflüchtlinge” vom Land fernzuhalten, aber die Sozialsysteme machen den Unterschied. So lange sie so ausgestaltet sind, wie sie sind, und daher das Angebot an Arbeit für Geringqualifizierte minimieren, so lange sollte auch die Einwanderung so gesteuert werden, dass die Migranten möglichst nicht zwangsläufig zu offiziell Arbeitslosen werden. Und so lange du Einwanderung steuerst, so lange kriegst du all die Nebenwirkungen, die du beklagst. Und das ist jetzt nur die technokratische Sicht, denn Einwanderung ist ja nicht gleich Einwanderung.

    In den USA gibt es ja auch Einwanderer aus Iran, Tunesien, Afghanistan etc. pp. Aber von den Terroristen, die bisher Anschläge gegen US-amerikanische Einrichtungen und Menschen verübt haben, stammte, so weit ich weiß, nicht ein einziger aus den USA selbst.

    Darin sehe ich eher ein praktisch-logistisches Problem. Die Entfernungen zu den Quellen des Hasses sind zu groß, und als Einwandererkind wird man wie gesagt schnell zum Amerikaner, für den alles außerhalb der Grenzen seines Bundesstaats gedanklich Wüste ist.

    Wie oben schon angedeutet, bin ich mittlerweile überzeugt, dass es bei uns diese Leitkultur eben nicht (mehr) gibt. Wünschenswert wäre sie, eine Diskussion darüber ist überfällig - aber vorhanden ist sie nicht.

    Das könnte stimmen.

    Schade, dass ich unlängst der Polemik abgeschworen habe. Sonst würde ich daraus jetzt die Schlagzeile machen: RAYSON HÄLT MIGRANTEN FÜR ATOMMÜLL!

    Schröder hätte keine Sekunde gezögert ;-) Aber das “Atom” noch weggelassen…

    Wem das nicht passt und wer gleichzeitig jede Diskussion darüber, wie wir mit diesen Menschen umgehen sollen, mit dem Hinweis unterbindet, Multi-Kulti sei gescheitert, der muss doch sagen, was an die Stelle der von ihm abgelehnten Integration treten soll.

    Die Ablehnung des “Mulit-Kulti”-Konzepts ist doch nicht gleichzusetzen mit der Ablehnung von Integration. Was ich mir wünsche (und wenn dieser Blog auch nur den Hauch einer Bedeutung hätte, würde ich es fordern ;-) ), ist zuallererst eine unverkrampfte (d.h. ohne Tabuisierungen, politisch-korrekte Diffamierungen und hasserfüllte Flachheiten) Diskussion über Art, Tiefe und Richtung der Integration. Zuerst unter den Deutschen selbst, dann auch unter Einbeziehung der Einwanderer. Offen und ehrlich, unter selbstbewussten In- und Ausländern.

    Kommentar von Rayson — 11.11.2005 @ 17:34 (UTC)

  14. Wie immer empfehlenswert hierzu ein Beitrag von “Mit dem Kopf voran”.

    Kommentar von Rayson — 11.11.2005 @ 18:25 (UTC)

  15. Patentizität,

    “Ich weiß zwar nicht, was Katajun Amirpur im Hinblick auf die jüngsten Äußerungen des iranischen Präsidenten abgesondert hat (Süddeutsche?), ich kann dir jedoch versichern, dass es hierzulande einige deutsche Exiliraner bzw. Kinder von deutschen Exiliranern (und sogar auch den einen oder die andere IslamwissenschaftlerIn) gibt, deren Gelassenheit diesbezüglich weniger der von Katajun Amirpur entspricht, sondern mehr deiner Besorgnis.”

    Ich hätte besser ein anderes Beispiel als die Reaktionen von Katajun Amirpur (in der taz und im Deutschlandfunk) auf die Ahmadineschad-Rede wählen sollen. Ich habe nämlich an ihrer Darstellung der Hintergründe nicht allzu viel auszusetzen (die Frage, wie die internationale Staatengemeinschaft reagieren sollte, ist wieder eine andere Baustelle). Das Beispiel war auch deshalb schlecht gewählt, weil man eigentlich kein Farsi beherrschender Islamwissenschaftler sein muss, um von Ahmadineschad nicht überrascht zu sein.

    Rayson,

    “Soso, Know-how an den Weltmarktkonkurrenten abgegeben. Du Landesverräter.”

    Hey, ich habe nur Know-how (American English) von Dritten (USA) an eine mit Schröder befreundete Weltmacht weiterzugeben versucht. Und ich war darin noch nichtmal besonders erfolgreich. Landesverrat wäre es gewesen, wenn ich meinen Schülern darin zugestimmt hätte, dass David Beckham ein großartiger Fußballer ist.

    “ich bezweifle wirklich, dass ein signifikanter Teil der “Multi-Kulti”-Fans die Türkei je anders als am Strand von Antalya erlebt hat.”

    Kommt es mir nur so vor, oder enthält diese Aussage Spurenelemente von Polemik? ;-) Damit wir nicht in einem vollständigen Konsens enden, möchte ich dir hier widersprechen: Diejenigen Linken, die wirklich von einer multi-kulturellen Gesellschaft überzeugt sind und sie als erstrebenswertes und erreichbares Ideal ansehen, kennen andere Kulturen nicht nur von (mehr oder weniger) touristischen Aufenthalten in anderen Ländern, sondern haben auch in Deutschland Kontakt zu Ausländern und Ausländerinnen, engagieren sich in Integrationsprojekten, usw. Problematisch wird es halt, wenn sie von sich auf andere schließen, sowohl was ihr Wissen als auch was das Ziel angeht.

    “Es geht eben hauptsächlich darum, die Zuwanderung tatsächlich auf diejenigen zu beschränken, die politisches Asyl suchen und alle anderen abzuschrecken. Als Liberaler wird man wohl keinen Grund sehen, “Wirtschaftsflüchtlinge” vom Land fernzuhalten, aber die Sozialsysteme machen den Unterschied.”

    Tja, das ist halt die Frage: Wirken nun unsere Asyl-Gesetze abschreckend, oder stellt die Aussicht auf Sozialleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz einen Anreiz dar, Asyl ausgerechnet in Deutschland beantragen zu wollen?

    Wenn man sich anschaut, was ein Migrant (unabhängig vom Fluchtgrund) für Kosten (für Reise, Bestechung, Schlepper) und Risiken auf sich nimmt, um nach Europa zu gelangen, dann tendiere ich eher zu der Behauptung, dass unsere Sozialsysteme den Migranten und Migrantinnen herzlich egal sind.

    “Und so lange du Einwanderung steuerst, so lange kriegst du all die Nebenwirkungen, die du beklagst.”

    Einwanderung muss doch immer gesteuert ablaufen. Die Nebenwirkungen hängen m.E. nicht mit der Steuerung an sich, sondern mit der Pervertierung unseres Sozialstaatsprinzips zusammen, die in diesem Fall wirklich auf die Spitze getrieben wird. Sowohl “echte” Asylbewerber und - bewerberinnen als auch “bloße” Wirtschaftsflüchtlinge haben doch bis zu ihrer Ankunft in Deutschland das unter Beweis gestellt, was von uns in zunehmendem Maße gefordert wird: Risikobereitschaft und Mobilität. Und genau diese positiven Eigenschaften werden durch unsere Asylgesetzgebung zerstört, indem wir den ihr Unterworfenen den Zugang zu unserem relativ risikolosen Sozialsystemen öffnen und gleichzeitig ein Arbeitsverbot über sie verhängen UND ihre Bewegungsfreiheit einschränken.

    Deinem Wunsch nach einer Diskussion über “Art, Tief und Richtung der Integration” kann ich mich nur anschließen. Das wird dann aber doch auf ein paar Seminare hinaus laufen. Jedenfalls, wenn ich daran beteiligt bin.

    Kommentar von Marian Wirth — 13.11.2005 @ 11:15 (UTC)

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