Der Gutmensch
Fangen wir rekursiv an: Als Gutmensch darf man den Begriff “Gutmensch” natürlich nicht verwenden. Schließlich wird er doch laut des - übrigens umstrittenen - Artikels bei Wikipedia gerne von Rechten verwendet, und Goebbels ist auch schon als Erfinder ausgemacht worden. Richtig gutmenschlich verzichtet der wahrscheinlich von einem Exemplar der Gattung geschriebene Artikel (ich empfehle zum näheren Kennelernen des Gutmenschen die dazugehörige Diskussionsseite) auch auf eine inhaltliche Definition: Wer und warum, das muss reichen, um den Begriff unmöglich zu machen, und ein Nazi-Verdacht gilt immer so lange als wahr, bis er widerlegt ist.
Aus meiner Sicht ist der Gutmensch nicht unbedingt ein guter Mensch. Eher im Gegenteil. Ein Gutmensch ist jemand, der sich in einer moralisch überlegenen Position sieht, weil er seine Handlungen und Meinungen danach ausrichtet, ob sie in der gerade herrschenden öffentlichen Meinung als gut beurteilt werden. Der Gutmensch muss nicht prüfen, ob sie auch tatsächlich gut sind in dem Sinn, dass sie einen als gut empfundenen Zustand helfen herbeizuführen. Er muss sie - hier im Gegensatz zum “guten Menschen” - noch nicht einmal selbst für gut halten. Es kommt ganz allein auf die äußere Einordnung an. Deswegen ist der Gutmensch grundsätzlich ein Phänomen der Öffentlichkeit - im Verborgenen gibt es höchstens gute Menschen, aber keine Gutmenschen. Der Gutmensch ist dem Bild der Pharisäer im Neuen Testament verwandt als jemand, der auf das korrekte Befolgen von Normen Wert legt, die angeblich höheren Werten entspringen, und der sehr darauf achtet, dass man seine Anstrengungen zur Kenntnis nimmt, damit er sich so vor seinen Zeitgenossen auszeichnen kann.
Der Gutmensch ist wenig daran interessiert, ob das, was er öffentlich propagiert, auch tatsächlich zu Konsequenzen führt, die in seinem eigenen Normensystem als gut angesehen werden. Es reicht der unmittelbare Anschein. In komplexen Systemen beurteilt der Gutmensch nur das erste, unmittelbare Ergebnis einer Tat. Etwaige weitere Verästelungen, Rückkopplungen und systemische Dynamik ignoriert er oder macht für sie böse Gegenspieler verantwortlich.
Mit einem Gutmenschen lassen sich politische Diskussionen nur schwer führen, weil er nicht analytisch-argumentativ vorgeht, sondern jedes Problem allein unter dem Gesichtspunkten einer vordergründigen Moral sehen will. Und da das Gute ja schon exklusiv von ihm gewollt wird, bleibt Andersdenkenden stets nur die Rolle der Bösen oder der Nichterleuchteten, d.h. er kann eine Diskussion nicht als den Austausch von Informationen und Sichtweisen sehen, sondern befindet sich grundsätzlich auf einem Kreuzzug oder einer Mission. Wenn “die Anderen” als die Bösen erkannt sind, heiligt der Zweck jedes Mittel, aber auch den aus seiner Sicht Unwissenden wird er eher Verachtung als Verständnis entgegenbringen.
Die vom empörten Wikipedianer sonst noch aufgeführten Merkmale wie Naivität, Glaube an Utopien oder Realitätsferne können bei einem Gutmenschen zwar auch auftreten, sind aber nicht konstitutiv.
Überzeugungen, die der Gutmensch vertritt, müssen übrigens nicht falsch oder grundlos sein, sie haben in ihm nur einen ungeeigneten Befürworter.

Ein sehr gelungener Artikel! Ich würde noch hinzu fügen, dass ein Gutmensch typischerweise ein “Gesinnungsethiker” ist und “Verantwortungsethik” ablehnt.
Wichtig ist es zum Beispiel, in der Politik laut gegen Krieg zu sein. Die Frage, ob dieses Verhalten TATSÄCHLICH die Kriegsgefahr minimiert, oder ein anderes Verhalten geeigneter ist, das Ziel zu erreichen, darf ein Gutmensch gar nicht stellen.
Analog lässt sich dieses Beispiel auf alle anderen Politikfelder ausdehnen, sei es Entwicklungshilfe, Sozialpolitik, Beschäftigungspolitik, Steuerpolitik usw.
Kommentar von Pantau — 19.10.2005 @ 9:37 (UTC)
Pejorative Sprache. Nicht mehr - und nicht weniger.
Insofern liegt eine gewisse Ähnlichkeit zu Gruppen vor, bei denen pejorative Sprache - um Umgang mit politischen Gegnern - typisch ist, so sehr mitunter, dass der politische Gegner nur noch pejorativ erwähnt wird.
Liebe B.L.O.G.-Betreiber: Das ist nicht harmlos, erst recht nicht, wenn man es damit übertreibt. Es kann sogar ausgesprochen a-liberal sein.
Im Übrigen ist der Begriff “Gutmensch” mit all seinen Konnotationen nicht trennscharf. Was wird hier eigentlich genau gemeint? Der naive Menschenfreund? Ein naiver Friedensfreund? Der naive Linke? Oder auch der naive Patriot? Der patriotisch Korrekte in den USA? Dessen deutsches Imitat? Der blödsinnige Ressentimenteliebhaber aus der muslimhassenden Front?
Oha, und schon sind wir mitten in
(a) einer linguistischen Methodik zur Umwertung von Begriffen
(b) einer pejorativen, anti-liberalen, geistfeindlichen Sprache
Ich hoffe, ich konnte das einigermaßen nachvollziehbar zeigen.
Ich will kein Dogma daraus machen, aber als Liberaler sollte man sich von einer Schmäh- und Propagandasprache und ihren Begrifflichkeiten eher fernhalten.
Wer mag, besuche mich auf meinen Blog und die hierzu stattfindende Diskussion!
Danke fürs Lesen!
Kommentar von Dr. Dean — 1.12.2005 @ 18:58 (UTC)
Pejorative Sprache. Nicht mehr - und nicht weniger.
Das sagt der Richtige.
Insofern liegt eine gewisse Ähnlichkeit zu Gruppen vor, bei denen pejorative Sprache - um Umgang mit politischen Gegnern - typisch ist, so sehr mitunter, dass der politische Gegner nur noch pejorativ erwähnt wird.
Kryptisch drückt er sich aus, der Dean, die Keule hat er schon hervorgeholt, nur den Namen darauf kann man noch nicht erkennen.
Liebe B.L.O.G.-Betreiber: Das ist nicht harmlos, erst recht nicht, wenn man es damit übertreibt.
1. Die Beiträge hier sind individuelle.
2. Nichts auf der Welt ist harmlos, wenn man es übertreibt.
Es kann sogar ausgesprochen a-liberal sein.
Ach nee. Na und?
Im Übrigen ist der Begriff “Gutmensch” mit all seinen Konnotationen nicht trennscharf. Was wird hier eigentlich genau gemeint?
Ist das ein Rundbrief an alle Blogs, die das Wort mal verwendet haben? Ich kann nicht erkennen, dass der Kommentar nach der Lektüre meines Beitrags verfasst sein sollte, denn der beantwortet diese Frage nämlich für einen ganz bestimmten Anwender dieses Begriffs. Für mich.
Ich hoffe, ich konnte das einigermaßen nachvollziehbar zeigen.
Deine Absicht ist erkennbar, ja.
Ich will kein Dogma daraus machen, aber als Liberaler sollte man sich von einer Schmäh- und Propagandasprache und ihren Begrifflichkeiten eher fernhalten.
Weißt du, ich finde, das sollte man nicht nur als Liberaler so halten. Und wer sowas fordert, sollte nicht anderswo seinerseits beifallheischend Andere abwerten, weil es doch da gegen “die Richtigen” geht und man gerade so schon “entre nous” ist - um mal die passenden Sprachassoziationen herzustellen…
Danke fürs Lesen!
Hätte ich auch gerne gesagt.
Kommentar von Rayson — 1.12.2005 @ 20:30 (UTC)
Oh, ist da jemand beleidigt, weil eine seiner Lieblingsbegrifflichkeiten für fragwürdig gehalten wird?
Oder ist meine Argumentation grundfalsch? Muss wohl, da es “der Richtige” gesagt hat.
*lach*
Kommentar von Dr. Dean — 1.12.2005 @ 22:33 (UTC)
Wer mich nicht kennt, kann mich höchstens nerven, z.B. durch Scheinheiligkeit oder Unterstellungen.
Oder ist meine Argumentation grundfalsch?.
Argumentation mit dem zu Beweisenden, Verwendung von Strohmännern - alles drin.
Übrigens haben sich da unsere Kommentare in unseren Blogs überschnitten.
Kommentar von Rayson — 1.12.2005 @ 23:13 (UTC)
*komm aus dem Schmunzeln kaum raus*
Da ist doch wirklich jemand ziemlich angepisst.
Vielleicht kann man sich darauf einigen, das die Begrifflichkeit umso fragwürdiger wird, je pauschaler und diffamierender der gewählte Kontext ist.
Pauschal-Diffamierungen sind nicht liberal.
Oder?
Du hast übrigens in deinem Text nicht genau geklärt, wer bei dir denn nun genau “Gutmensch” ist, sondern dir nur ein umfangreiches Bündel von angeblich “konstitutiven” Eigenschaften ausgedacht, die deiner Meinung nach bei “den Gutmenschen” gegeben seien:
- ein schlechter Mensch,
- der sich für moralisch überlegen hält,
- der sich sich nach der öffentlichen Meinung richtet,
- der nicht prüft, sondern flach urteilt,
- ein Pharisäer, der seine Haltung nur der Öffentlichkeit halber hat - aber die Normen nicht wirklich teilt,
- der nur auf den Anschein zielt,
- der undifferenziert urteilt,
- mit dem keine politischen Diskussionen geführt werden sollten, weil er seine Ansichten nicht vernünftig zu begründen vermag,
- der Abweichler von seiner Meinung als “Böse” abwertet,
- der wie ein Fanatiker seiner “Mission” treu bleibt,
- der Träger anderer Auffassungen verachtet
Andere Eigenschaften (z.B. Naivität, Utopieneigung, Realitätsferne) seien hingegen “weniger konstitutiv”.
Schön schön, Rayson.
So jemand würde ich weniger “Gutmensch” nennen, sondern z.B. einen “simplen Politpharisäer” nennen.
Wir halten fest: Eigentlich passen dein Eigenschaftsbündel wenig, um zu erklären, was ein “Gutmensch” ist. Er erklärt eher, wen du Gutmensch nennst - und auch, worüber du dich ärgerst.
Als bloßer Begriff Terminus ohne diese Erläuterungen bleibt ist der Begriff “Gutmensch” ein Wort mit wenig Gehalt - und doch zur Diffamierung geeignet.
Das ist auch der eigentliche Kern dieses Begriffs! Außerhalb seines affirmativen Gehalts ist er unpräzis.
Also: An sich ein eher schlechter Begriff - und zwar völlig egal, wem er angeheftet wird.
In einer Wort-Kombination eingesetzt halte ich also den “Gutmenschen” als Begriff für legitimer, z.B. “Gutmensch-Linker”. Das ist wenigstens etwas schärfer - es ist klarer, was gemeint sein könnte, z.B. ein Linker, der seine Moralität als Monstranz vor sich herträgt, während dieser gleichzeitig naiv ist.
Doch, Rayson: Naiv. Diesen Teil der Konnotation ist essentiell - und diese ärgerliche, undifferenzierte Naivität beschreibst du ja auch (mit anderen Worten) in deinem Artikel.
Aber, wenn das so ist, dann dürfte es meistens doch besser sein, einen blöden Linken wegen seiner Haltung naiv oder pseudomoralisch zu nennen. So ist eher klar, worauf genau die Kritik zielt - und ggf. wäre sogar eine Verteidigung möglich oder ein Gespräch.
Es bleibt - egal, wie du pikiert du dich geben magst, Rayson, eine pejorative Sprache - und sie zielt im Begriff “Gutmensch” auf affirmative Pauschalverurteilung.
Da nutzt dir dein schöner langer Text rein garnichts. Deine Reaktion spricht zudem Bände, in der du sagst:
“Das sagt ja genau der Richtige”
So funktioniert das. Man benötigt also nur wenige Schritte zur Diffamierung:
1. Man wertet sein Gegenüber ab
2. Man entwertet damit zugleich seine Argumente
3. Diskussion beendet - der andere ist sowieso ein Idiot.
Sonderlich dialogisch ist sowas nicht.
Kommentar von Dr. Dean — 1.12.2005 @ 23:30 (UTC)
Eigentlich passen dein Eigenschaftsbündel wenig, um zu erklären, was ein “Gutmensch” ist. Er erklärt eher, wen du Gutmensch nennst - und auch, worüber du dich ärgerst.
Ich kann tatsächlich nur erklären, wen ich einen “Gutmenschen” nenne. Und ich stehe tatsächlich denen kritisch gegenüber, die mir sagen wollen, welche Verwendung die richtige zu sein hat.
Wo du in meiner Definition Naivität vorkommen siehst, vermag ich übrigens nicht nachzuvollziehen. Der, den ich einen “Gutmenschen” nennen würde, kann naiv sein, muss es aber nicht. Aus meiner Sicht gibt es auch berechnende “Gutmenschen”.
Ebenfalls ist es mir ein Rätsel, wie ich mit dem Begriff “Pauschalverurteilung” betreiben kann, wenn ich gar nicht weiß, wen genau ich denn da pauschal verurteilen soll. Ich belege eine bestimmte Verhaltensweise mit einem Begriff, also allerhöchstens “verurteile” (seltsames Wort übrigens in diesem Zusammenhang) ich Leute, die dieses Verhalten an den Tag legen. Nicht “pauschal”, sondern wegen dieses Verhaltens.
Kommen wir jetzt zu: “Das sagt der Richtige”.
Tatsächlich erklärt sich der größte Teil meines Genervtseins aus dem Umstand, dass jemand, der andere Blogger sehr pauschal(!) als “Neoconnards” bezeichnet oder ihnen auch gerne mal eine bestimmte Art Denkvermögen abspricht, mir etwas über “pejorative Sprache” erzählen will.
Das finde ich dann doch sehr dreist, und darauf mache ich dann auch in deutlicher Form aufmerksam. Ansonsten bin ich gerne bereit, überall an Eides Statt zu versichern, dass du kein Idiot bist. Ich habe ganz ehrlich manchmal bei dir meine Zweifel, was Offenheit und Glaubwürdigkeit betrifft, aber keine bezüglich Intelligenz und Sprachbeherrschung.
Kommentar von Rayson — 2.12.2005 @ 0:18 (UTC)
Nur falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte, Rayson: Ich habe dich nicht “Neoconnard” genannt. Ich habe euren Blog sogar verlinkt. Einen Faschisten-Blog oder Blog eines Neoconnards würde ich allein schon aus Gründen des Link-Rankings bzw. Page-Rankings nicht linken.
Auch ich beanspruche eine individuelle und trennscharfe Deutung für die Begriffe, die ich verwende. Wenn verantwortungsbeliebige Libertäre (schon wieder nicht du!) fragwürdige Ideen verbreiten, mag man darüber diskutieren - und nennt das dann halt so.
Du weißt, welchen Dozenten ich hier meine.
Und wen ich wiederum “Neoconnard” nenne - das kannst du daran sehen, wie und wo ich diesen Begriff einsetze.
In einem gewissen Gegensatz zu jemanden, der ein allgemein (!) gebräuchliches Wort für seine private Definition einsetzt (aber immerhin einigermaßen spezifiziert mit “Gutmensch-Linker”), das vom Wortfeld her schon allein auf alle diejenigen zielt die ansonsten “Gutmensch” genannt werden (naive Linksmoralisten), nehme ich ein eigenes Wort, das explizit (Neoconnard=explizit) die Arschlöcher unter den Neocons meint. Zum Beispiel Hasserseiten wie LGF.
Wie gesagt: Da musst du dich nicht angsprochen fühlen.
Kommentar von Dr. Dean — 6.12.2005 @ 15:24 (UTC)
Täusche ich mich jetzt oder könnte die Vehemenz der Kritik Dr.Deans damit zusammenhängen, dass er sich durch die Titulierung “Gutmensch” irgendwie (und irgendwie ungefragt) angesprochen fühlt?
Denn so richtig will mir nicht einleuchten, wie man den Versuch einer Begriffsbestimmung als Diffamierung und Pauschalisierung … ähm … diffamiert.
Kommentar von Boche — 6.12.2005 @ 15:42 (UTC)
@Dean
Doch, das ist mir aufgefallen. Aber da ich zwar manchmal eine andere Meinung habe als z.B. Statler, ihm ansonsten aber sehr oft zumindest tendenziell zustimme, kann das nur ein Zufall sein oder auf Gründen beruhen, die mir nicht bekannt oder für mich nicht nachvollziehbar sind.
Das wäre mir allerdings im Grunde auch so lange wurscht (jeder so, wie er mag oder kann), wie nicht ausgerechnet ein Verwender solcher Begriffe, den ich nicht als Troll identifizieren kann und somit als Kommentator ernst nehme, mir in unserem Blog die Herabsetzung Anderer vorwirft.
Abgesehen davon, dass ich “Arschloch” für herabsetzender und unschärfer halte als “Gutmensch”. Aber das hatten wir ja alles schon einmal. Meinen Beitrag bei Statler betrachte ich als mein vorläufiges Schlusswort in der eigentlichen Debatte.
Übrigens: Es gibt keinen Grund, das Wort “Gutmensch” für Linke zu reservieren. Auch wenn dort die Tendenz der moralischen Disqualifizierung Andersdenkender besonders häufig zu beobachten ist.
@Boche
Ich glaube nicht, dass Dean die Art virtueller Existenz ist, die derart emotional vorgehen würde.
Die mangelnde Erleuchtung teilst du allerdings mit mir.
Kommentar von Rayson — 6.12.2005 @ 16:54 (UTC)
@Boche
Du kennst die Vorgeschichte dazu nicht.
Tatsächlich handelte es sich um eine unerfreuliche Angelegenheit - und war nicht auf mich bezogen. In einem völlig anderen Zusammenhang (weit weg z.B. von Libertären und Freunden der Marktwirtschaft) tauchte dieser Begriff auf - zusammen mit einer unfassbaren Höchstdosis Menschenverachtung. Das ist schon viele Jahre her und hat mich sensibilisiert.
So, und nun tauchte dieser Begriff, ein paar Mal überraschend in Medien auf, die ich lese, sowie parallel in Diskussionen in der für mich neuen Blog-Kultur. Dies hat bei mir die Erinnerung an die ausgesprochen unerfreuliche Vorgänge wachgerufen - und ich habe halt einfach darüber nachgedacht - auch im Zusammenhang mit Sprachstrategien und mit ein wenig Linguistik, wo ich z.Zt. auf den Spuren Victor Klemperers wandle.
Kannst du dir vorstellen, wie der Teminus “Gutmensch” auf dich wirkt, wenn du gerade die Tagebücher von Klemperer und sein LTI gelesen hast?
Letzten Endes geht es mir darum - auch als Selbstreflektion, dass die Sprache der Diffamaierung doch bitte die Ausnahme darstellen sollte. Quasi als linguistischer Freund der offenen Gesellschaft, die es m.E. nicht vertragen kann, wenn Diskurse vor allem von Häme und Herabsetzung geprägt sind.
Es hat auch sehr viel mit meiner aktuellen Beschäftigung mit Wissenschaftsgeschichte zu tun. Hier gelange ich gerade zu dem Eindruck, dass Art und Weise des Umgangs mit Abweichung bzw. “Häresie” eine beachtliche Fortschrittsbedingung darstellt.
Ich hoffe, die Vorgeschichte bzw. die Hintergründe habe ich dir damit halbwegs nachvollziehbar dargestellt.
Kommentar von Dr. Dean — 6.12.2005 @ 22:25 (UTC)
@Dr.Dean
Kurze Frage zum Verständnis: Lehnst du den Begriff des Pharisäers ebenso strikt ab?
Kommentar von Boche — 7.12.2005 @ 8:52 (UTC)
@Boche
Ehrlich gesagt, bin ich weitaus liberaler, als meine zugespitzen Beiträge (die stets eine gewisse Apodiktik haben) ahnen lassen.
Ich hatte ja schon geschrieben:
Einmal ist es die Häufigkeit der begrifflichen Verwendung. Ab und zu ein Gutmensch oder “Gutmensch-Linker” oder “Gutmensch-Proamerikaner”: Ja, warum denn auch nicht?
Ich finde, dass der Begriff “Gutmensch” dem Inhalt nach zu unbestimmt ist und in seiner Konnotation fragwürdig (die Diskussion hatten wir ja).
Als Begriff finde ich Pharisäer oder “moralisisierender Scheinheiliger” gelungener - oder auch “linker Naivling” - da hiermit klarer und sinnvoller beschrieben ist, worauf der implizite Vorwurf zielt. Dann braucht man sich auch nicht mit Privat-Definitionen so anstrengen…
Im Ernst: Diese Bemühung zeigt neben Reflektionswillen eben auch, dass eine bestimmte Begrifflichkeit unscharf sein könnte, oder?
Im Übrigen halte ich eine Sprache der Dauer-Diffamierung, wo z.B. die Bemühung um das Gute lächerlich gemacht wird, für anti-liberal.
Das ist einer der Gründe, warum bei mir z.B. diffamierend-temperamentvolle Nixxon-Kommentare schnell gelöscht werden.
Eine gelegentliche Spitze ist m.E. immer noch etwas anders zu beurteilen.
Kommentar von Dr. Dean — 8.12.2005 @ 22:00 (UTC)
Können wir uns, Dean, darauf einigen, dass die Dosis das Gift macht?
Kommentar von Rayson — 8.12.2005 @ 22:19 (UTC)
Ich denke ja.
Kommentar von Dr. Dean — 13.12.2005 @ 1:11 (UTC)
Gutmenschen?
Ich bin vor ein paar Tagen auf einer Site (kein Link dorthin, weil ich Publicity dafür nicht für notwendig erachte) über den Begriff “Gutmensch” gestolpert, den ich zunächst nicht so recht einzuordnen vermochte. Mittlerweile habe ich ab…
Kommentar von [digital:meditation] — 12.02.2007 @ 10:30 (UTC)