B.L.O.G. - Bissige Liberale ohne Gnade

4.08.2005

Zum Kindermörder erzogen?

Abgelegt in: Politik

Da hat Schönbohm seiner wahlkämpfenden Ost-CDU ja ein nettes Ei ins Nest gelegt:

Die durch das DDR-Regime erfolgte „Proletarisierung der ostdeutschen Bevölkerung in ländlich strukturierten Räumen” hätte zu Verwahrlosung und Gewaltbereitschaft geführt und solche schrecklichen Dinge wie den neunfachen Kindermord erst möglich gemacht.

Wenn sich das nicht durch Gysi zum Schüren der Anti-West-Stimmung nutzen lässt…!

Aber kommen wir zur Sache selbst.
Die FAZ zitiert Schönbohm wie folgt:

“Die DDR sei ein totalitäres System gewesen, in dem das Thema Wertevermittlung sehr klein geschrieben worden sei, … Der Staat habe die Werte vorgegeben. Daher sei man in diesem Staat, der so überwacht wurde, gut damit gefahren, „wenn man nicht zu sehr Anteil nahm am Nachbarn oder anderen Dingen”

Nun muss man mehrere Dinge auseinanderhalten, um der Diskussion gerecht zu werden.

Zum einen dürfte die Behauptung, in der DDR hätte man am Nachbarn oder “anderen Dingen” nicht so viel Anteil genommen, schlicht falsch sein.
Es ist eine offensichtliche Feststellung für jeden ostdeutsch sozialisierten Menschen, dass die Beziehungen zu Nachbarn, Bekannten und dem sozialen Umfeld allgemein nach der Wende loser geworden sind.
Dies muss man nicht ideologisch mit der “Kälte” des Kapitalismus erklären, es dürfte schlicht Folge der sozialen Wanderungsbewegungen sein, die nach ‘89 eingesetzt hat.
Und die sozialen Strukturen waren zu DDR-Zeiten nicht nur starrer (Arbeitsplatzwechsel waren z.B. deutlich seltener und auch schwieriger als heute), sie waren auch Rückzugsgebiet gegen den von Schönbohm erwähnten Überwachungsstaat.
Herr Schönbohm kommt aus den alten Bundesländern, was man seiner in diesem Punkt wenig fundierten Argumentation anmerkt.

Ein aber durchaus bedenkenswerter Punkt kann die nach der Wende entstandene soziale Struktur in den erwähnten ländlichen Gebieten sein.
Der massive Wegzug höherqualifizierter Menschen könnte wohl wirklich die Proletarisierung bewirkt haben, die Schönbohm als Quelle der Verwahrlosung sieht.

Der argumentative Sprung zum DDR-System als Hauptschuldigem ist deshalb aber etwas um mehrere Ecken gedacht:

Selbstverständlich hat das DDR-System bewirkt, dass eine industrielle Landschaft entstand, die sofort zusammenbrechen musste, wenn sie dem freien Markt ausgesetzt wird.

Das hat dann bewirkt, dass in den ehemaligen DDR-Gebieten Wanderungsbewegungen entstanden, die vor allem durch den Wegzug der sozialen Oberschicht (auch aus ländlicheren Gebieten) gekennzeichnet waren.
Dadurch wiederum “proletarisierte” die verbleibende Bevölkerung.
Was man dann als möglichen Grund für solche Phänomene wie höhere Kindermord-Raten im Osten heranziehen könnte.

Also: Herr Schönbohm bekommt seine Prügel nicht ganz zu Recht aber auch nicht ganz ohne triftigen Grund.
Er hat mit falschen Schlussfolgerungen auf ein möglicherweise wirklich existierendes Problem hingewiesen.

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