Nun hat der westliche Überdruss an der Freiheit und die Wohlstandsjammerei über die Zumutungen des Wettbewerbs also auch die gute, liberale ZEIT erreicht.
Zwar nur im Feuilleton, einer Sparte, die wohl jedem Journalisten Platz bietet, dem ein intellektueller Pups quer liegt - aber immerhin:
Ein altliberales Blatt übt sich in dumpfer Kapitalismuskritik - wenn das keine Freude für linksparteiische Systembetonierer und andere Freiheitsfeinde ist!
Apokalypse now! - Jens Jessen und das Ende der Welt
Jens Jessen ist es, der in der elften und letzten Folge der mit “Zukunft des Kapitalismus” benannten ZEIT-Reihe eine Zusammenschau verspricht und ein wahrlich apokalyptisches Gemälde entwirft.
Es ist wohl der gewollten Schönheit dieses Gemäldes geschuldet, dass einige Details unlogisch geraten und eine grundsätzliche Frage offen bleibt:
Wovon schreibt dieser Mann eigentlich?
“Sämtliche Autoren, die wir in unserer Serie zur »Zukunft des Kapitalismus« befragten, … waren sich darin einig, dass der Kapitalismus, der dem Westen Jahrzehnte märchenhaften Wohlstandes beschert hat, heute nur mehr als Bedrohung wahrgenommen werden könne.”
Das stimmt nicht. Ernst-Wilhelm Händler, Eva Illouz aber sogar Juri Andruchowytsch haben deutlich mehr Differenziertheit aufgeboten als Jessen selbst, haben den Kapitalismus zwar kritisiert, vielleicht noch sein nahendes Ende postuliert oder in ferner Zukunft erhofft - alle drei waren aber keineswegs verschlossen für die positiven Seiten dieses Systems.
“Selbst die Wirtschaftsführer, die in den Talkrunden des Fernsehens sorgenvoll ihr Haupt wiegen, beteuern glaubwürdig, dass sie dem System des freien Marktes ausgeliefert und in ihren Entscheidungen ohne Spielraum seien.”
Dieses Ausgeliefertsein, das “sogar” von denen beklagt wird, die Jessen als “Wirtschaftsführer” betrachtet (scheint da die unkapitalistische aber typisch deutsche Sehnsucht nach Führern durch, deren Wort “gilt”?), erstaunen ihn. Offensichtlich hatte er bislang angenommen, die Freiheit des Marktes wäre nur eine vage Drohung am Horizont des rheinisch-korporatistischen Vollkasko-Staates.
Unternehmerische Klagelieder
Abgesehen davon geht er den klagenden Unternehmern aber auch auf den Leim. Denn als Unternehmer hat man natürlich heutzutage keinen guten Stand.
Der allversorgende Staat ist pleite. Der Sozialstaatsbürger sucht händeringend nach der ausbleibenden Droge der Rundum-Versorgung, sein Blick bleibt zwangsläufig dort hängen, wo er das Geld vermutet: den Kapitalisten, den Unternehmern.
Welcher Unternehmer möchte in solchen Zeiten einem solchen Publikum die einfache Wahrheit erklären, dass Kapitalismus nie anders funktioniert hat? Dass die Deutschen bislang nur in einer weltwirtschaftlich günstigen Lage waren, weil die Armen bislang nicht mitmachen durften und deshalb Billigkonkurrenz praktisch nicht existierte?
Von der totalitären Freiheit Handel zu treiben
Jessen ist diese Taktik des verlogen-solidarischen Mitjammerns Beweis für mehr. Und zwar dafür, dass die marxistischen Systemkritiker doch Recht hatten. Und nicht nur das:
Der Kapitalismus erscheint ihm als neue totalitäre Bewegung!
Man hätte sich gewünscht, dass diesem absurden Vorwurf erst einmal eine Definition des Kapitalismus vorangestellt wird. Damit man weiß, auf welcher Grundlage man miteinander streitet.
Aber stattdessen baut Jessen wortreich einen Popanz auf. Der Kapitalismus erscheint dem Leser da nur noch als Spiegelbild, als durch Jessensche Protagonisten vertretenes System.
Das erleichtert natürlich die eigene Argumentation ungemein. Dadurch lassen sich widerspruchslos Scheingegensätze aufbauen, die dann als Fundament für ein ganzes Luftschloss aus Pseudoargumenten dienen.
Da kann vom “Sinken der Handlungsspielräume gegen null” fabuliert werden, in dem man sich auf die besagten Talkshow-Gäste aus den Reihen der Wirtschaft beruft. Als wäre unternehmerisches Tun ein vorgefertigter Weg, den man nicht verlassen könnte.
Da können “traditionelle Verteidiger des Kapitalismus” in die eigene Argumentation hineinge- oder -erfunden werden, die Dinge behaupten, welche Jessens Argumenten natürlich nicht Stand halten können.
Der Wettbewerb wird härter - und der Westler grummelt von Revolution
Die Globalisierung wird nicht etwa zur Marktteilhabe der bisher Ausgeschlossenen und Armen - nein: die Globalisierung ist ein Rückschritt in frühkapitalistische Zeiten! Das lässt Jessen denn auch Verständnis für die Linkspartei haben und von “vorrevolutionärem Unwillen” fantasieren. Das haben wir gern: Kaum soll der Kuchen wirklich mal geteilt werden, kaum fordern die bisherigen Hungerleider mal mehr als Brosamen vom Tisch der Live-Aid-Gutmenschlichkeit - schon droht der westliche Wohlstandsintellektuelle mit Revolution, weil ihm das plötzlich anstrengender werdende Spiel keinen Spaß mehr macht.
Die These, dass alle menschliche Interaktion auch als Tauschprozess definiert werden kann, wird nicht diskutiert - nein, sie wird als Beweis für den totalitären Charakter des Popanzes “Kapitalismus” genommen, den man sich selbst zum journalistischen Schattenboxen aufgestellt hat.
Jessen lässt kein Klischee aus, das nicht bereits zur Genüge von attac-Ideologen oder “Kein Blut für Öl”-Schreihälsen vorgekaut worden wäre. Da werden vom Kapitalismus Kriege geführt, die selbstverständlich dem Erzwingen des Freihandels dienen. Der natürlich etwas Schlimmes ist - vielleicht, weil die Hungerleider dadurch erstmals eine Chance auf echte Teilhabe bekommen?
Da wird die Unbeständigkeit der heutigen Arbeitsverhältnisse mit stalinistischen Säuberungen verglichen. Da wird die innerbetriebliche Machtverteilung gedankenlos extrapoliert und als Beweis für die Unfreiheit des Kapitalismus genommen.
Ja, da versteigt sich ein Herr Jessen zur widersinnigen Behauptung, dass ein Unternehmen sich “ungebunden und ohne jede Rücksicht auf Mitarbeiter und Kunden bewegen” könne.
Antiwestliches Rumoren im romantischen deutschen Herzen
Hätte er nur ein wenig genauer die Autoren dieser ZEIT-Serie gelesen, auf die er sich fälschlicherweise beruft. Dann wären ihm vielleicht folgende Zeilen Ernst-Wilhelm Händlers aufgefallen:
“Geldverdienen ist in der deutschen Kultur immer verpönt gewesen. Tatsächlich sind viele vom »Dritten Reich« angezogen worden, weil sie vom Thema »Verachtung des Geldes« fasziniert waren.”
Diese romantizistische, dem freien wirtschaftlichen Handeln gegenüber misstrauische, Geldverdienen als unmoralisch empfindende, dumpf-deutsche Ideologie ist es, die aus Jessens Ausführungen herausmüffelt.
Dass solche Gedanken nun schon den Weg in ehemals ehrwürdig-liberale Blätter wie die ZEIT gefunden haben, lässt allerdings Sorge aufkommen.